Der Jungsteinzeit in Mitteleuropa widmet das Landesmuseum Karlsruhe eine packende Schau

Als die ersten Räder rollten

Goldscheibe aus Transdanubien, um 4000 v. Chr.

Karlsruhe. Vor 6000 Jahren wurden in Mitteleuropa Rad und Wagen entwickelt. Erstmals wurden Ochsen hinter den Pflug gespannt. Die Metallverarbeitung wurde aus der Taufe gehoben. Der Fernhandel blühte auf. Der wiederum förderte die Herausbildung von Eliten, die mit Prestigegütern protzten. Und wem das alles zu viel wurde, der konnte nun erstmals die frisch erfundene Tür hinter sich zuschlagen.

Diesem bedeutenden Kapitel unserer Vergangenheit ist im Karlsruher Schloss eine packende Schau gewidmet, die über 300 herausragende archäologische Funde aus dem 5. und 4. Jahrtausend vor Christus umfasst.

Oh, oh, mit den Vertretern der jungsteinzeitlichen Michelsberger Kultur (4400-3600 v. Chr.) war offenbar nicht zu spaßen. Das signalisieren das mächtige Auerochsengehörn und der auf einen Pfahl gespießte menschliche Trophäenschädel. Sie bilden das Empfangskomitee an einem rekonstruierten hölzernen Torbau, wie ihn die Vertreter der Michelsberger Kultur errichteten, um den Zugang zu den für sie charakteristischen Erdwerken zu kontrollieren. Das erste ihrer Erdwerke, die mit Gräben und Wallanlagen jeweils ein bis zu mehrere Hektar großes Gelände umschlossen, wurde vor über 100 Jahren auf dem Michaelsberg im Landkreis Karlsruhe entdeckt. Daher rührt der Name dieser über weite Teile Europas verbreitet gewesenen Kultur, deren Ursprung im Pariser Becken vermutet wird. Typisch für sie sind Keramikgefäße mit halbkugelförmigem Boden, was vermuten lässt, dass sie hängend aufbewahrt wurden.

Im zweiten Teil der Schau stehen die Hinterlassenschaften der Nachbarkulturen im Blickpunkt. Insbesondere die der Bewohner der Feuchtbodengebiete, die ihre Pfahlbauten am Bodensee und an den Schweizer Seen errichteten. Unter Luftabschluss haben sich in den Uferzonen einzigartige Objekte erhalten, die aus organischen Materialien gefertigt wurden. Etwa eine Garnrolle mit sorgfältig aufgewickelter Schnur aus Lindenbast, ein kegelförmiger Hut aus Gehölzbast mit Zwirnbindung, eine aus Lindenbast geflochtene Sandale und ein ausladendes ovales Gefäß aus Rinde. Eine besondere Verehrung erfuhren weibliche Reize. Darauf weisen naturalistisch aus Lehm geformte und mit Punkten aus weißer Kalkfarbe geschmückte Brüste hin, die einst an Innenwänden von Kulthäusern angebracht waren.

Im dritten Ausstellungsteil sind fortschrittliche Objekte versammelt. Aus der Schweiz stammt das älteste vollständig erhaltene Rad (um 3200 v. Chr.). Das schon ziemlich abgefahrene hölzerne Vollrad weist ein rechteckiges Achsloch auf. Somit war die Achse fest mit dem Rad verbunden, drehte sich also mit.

Bis 15. Mai, Badisches Landesmuseum, Schloss, Karlsruhe. Tel. 0721-9262828, www.jungsteinzeit2010.de. Der Katalog (Primus Verlag) kostet im Museum 24,90 Euro

Von Veit-Mario Thiede

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