ESC-Star Jamie-Lee: "Ich bin total der Gefühlsmensch"

Für manche ist Jamie-Lee schon die neue Lena. Am 14. Mai tritt die 18-Jährige für Deutschland beim Eurovision Song Contest an. Mit traurigem Pop überzeugt sie auch auf ihrem Debüt.

Mit Jamie-Lee Kriewitz wird Deutschland am 14. Mai beim Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm auf jeden Fall eine gute Figur machen. Mit niedlichen Outfits im japanischen Manga-Stil und ihrem melancholischen Pop-Song „Ghost“ gewann die 18 Jahre alte Schülerin aus der Nähe von Hannover erst die Castingshow „The Voice of Germany“ und dann den deutschen ESC-Vorentscheid. Auch auf ihrem Debütalbum „Berlin“ dominieren die ruhigen Songs. Manchmal klingt Jamie-Lee wie eine Mischung aus der jungen Björk und Rihanna. Im Interview möchte sie geduzt werden.

Warst du schon mal auf der Connichi-Messe in Kassel, der größten Anime- und Manga-Veranstaltung im deutschsprachigen Raum?

Jamie-Lee: Das habe ich leider nicht geschafft. Meinen Stil habe ich erst kurz vor „The Voice“ entdeckt. Und danach hatte ich schlicht keine Zeit, aber irgendwann will ich auch auf die Connichi.

Wie hast du deinen Stil gefunden, der Decora Kei heißt?

Jamie-Lee: Für Mangas habe ich mich schon immer interessiert. In einer Zeitschrift habe ich einen Artikel über Decora Kei gelesen. Das habe ich sofort geliebt. Röcke und Kniestrümpfe habe ich mir in Südkorea bestellt. Manchmal gibt es auch bei H&M niedliche T-Shirts. Ich trage aber gern Sachen, die nicht jeder hat.

Beim Eurovision Song Contest dürfen zwar Australier abstimmen, aber keine Japaner und Südkoreaner. Schade, oder?

Kriewitz: Stimmt, das könnte zusätzliche Stimmen bringen. Vielleicht würden sie mich aber auch als Wannabe sehen, als ein Möchtegern-Manga-Mädchen. Womöglich ist es also ganz gut, dass sie nicht abstimmen dürfen.

Beim ESC steht oft das Schrille im Vordergrund. Wie wirst du den melancholischen Song „Ghost“ auf die Bühne bringen?

Jamie-Lee: Das Bühnenbild wird sehr krass. Es wird aber vor allem darauf ankommen, dass meine Stimme perfekt ist. Darum übe ich jeden Tag.

Deinem Album hört man an, dass du vor allem Indiepop magst. Von wem hast du dich inspirieren lassen?

Jamie-Lee: Von Chillstep. Das ist Dubstep mit chilligeren Beats, entspannt total und hört sich etwas traurig an. Schon während „The Voice“ habe ich zu meinem Produzenten gesagt: „Wenn ich gewinne, will ich solche Musik machen.“

Was gefällt dir so sehr an Melancholie?

Jamie-Lee: Zum einen passt das am besten zu meiner Stimme. Zum anderen bin ich total der Gefühlsmensch. Ich brauche das Auf und Ab im Leben und etwas, worüber ich mir den Kopf zerbrechen kann. Sonst wird mir langweilig. Das alles verarbeite ich mit Musik.

Du wohnst in einem 4000-Seelen-Dorf in der Nähe von Hannover. Wie ist es dort?

Jamie-Lee: Langweilig (lacht). Wenn ich zu Hause bin, sitze ich meistens in meinem Zimmer. Ich bin froh, wenn ich hier bald raus bin.

Das wird man dort nicht gern hören.

Jamie-Lee: An sich ist das Dorf schön, aber man kann hier einfach nicht viel machen. Früher habe ich im Dorfverein Fußball gespielt. Meine Freunde wohnen alle woanders. Mich hält hier nichts außer meiner Familie.

Und nun willst du nach Berlin ziehen. Freust du dich schon auf das Nachtleben dort?

Jamie-Lee: Klar. Im März bin ich 18 geworden und sofort mit Freunden durch Clubs in Hannover gezogen. Langsam wird das aber langweilig. Ich hoffe, dass es in Berlin ein bisschen cooler ist.

Hast du früher Sachen gemacht, die verboten sind, wenn man noch nicht volljährig ist?

Jamie-Lee: Alkohol habe ich erst mit 17 angefangen zu trinken. Gerade bei Teenagern sieht es voll scheiße aus, wenn sie sich so zusaufen. Und Rauchen ist voll asso. Ich war immer das brave Teenagermädchen, das nie etwas Verbotenes macht - schon weil ich nichts für mich behalten kann.

Das Abitur hast du erst einmal verschoben. Gibt es überhaupt einen Plan für die Zeit nach dem ESC?

Jamie-Lee: Wenn es gut ausgeht, ich zum Beispiel unter den Top Ten lande und alle mein Album kaufen, verschiebe ich mein Abi noch mal. Dann konzentriere ich mich ganz auf die Musik. Ich will beides nicht nur halbherzig machen. Und wenn es nicht so gut ausgeht, mache ich die Schule nach den Sommerferien fertig. Das Abi mache ich also auf jeden Fall, die Frage ist nur wann.

Welche Tipps hast du von Smudo und Michi Beck von den Fantastischen Vier bekommen?

Jamie-Lee: Beide haben mir gesagt, dass ich alles genießen soll. Denn nach dem ESC kann auch schnell alles wieder vorbei sein. Diese Chance, die ich jetzt habe, hat nicht jeder. Ich soll einfach das machen, was ich immer gemacht habe - und zwar ohne Druck. Wir schreiben uns oft über WhatsApp. Beide sind immer für mich da. Mit ihnen kann ich auch über Dinge reden, die nicht die Musik betreffen.

Hast du auch schon Lena Meyer-Landrut getroffen?

Jamie-Lee: Wir haben uns zweimal kurz gesehen bei “The Voice Kids”, wo sie in der Jury sitzt, und beim Echo. Allerdings hatten wir beide Male nicht viel Zeit. Musikalisch ist sie jetzt nicht mein Vorbild, aber als Typ ist sie sie selbst geblieben. Sie war immer locker und hat ihr Ding durchgezogen. Das will ich auch machen.

Wie reagieren deine Freundinnen auf deinen Erfolg?

Jamie-Lee: Ich frage sie regelmäßig, ob ich mich verändert habe. Sie müssen sich keine Sorgen machen und wissen, dass ich mich bemühe, nicht abzuheben. Bislang genieße ich alles. Man fühlt sich ja auch cool, wenn man auf dem Roten Teppich fotografiert wird.

Zur Person 

Geboren: am 18. März 1998 in Springe

Ausbildung: Wegen der Musik hat die Gymnasiastin die Schule unterbrochen, aber „das Abitur mache ich auf jeden Fall nach, die Frage ist nur wann“, sagt sie.

Karriere: Jamie-Lee sang im Schul- sowie einem Gospelchor und trat ab und an mit ihrem Vater auf, einem Schlagzeuger. Im Dezember gewann sie als Schützling von Smudo und Michi Beck (Fanta 4) die Castingshow „The Voice of Germany“ und im Februar den deutschen ESC-Vorentscheid.

Privates: Die Veganerin lebt mit ihrer Familie in Bennigsen bei Hannover.

Das Debütalbum: „Berlin“ ist bei Polydor/Island erschienen.

Auszüge aus dem Album von Jamie-Lee

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