Menü mit Sättigungsbeilage: Die Kunsthalle Düsseldorf zeigt „Eating the Universe“

Mit Essen spielt man auch

Die Hinterlassenschaft einer Mahlzeit: Daniel Spoerris „Tableau-piége 19. Oktober 1972“. Fotos:  Kunsthalle Düsseldorf

Düsseldorf. Kochen ist zur Show geworden, die Nahrungsaufnahme zum Event. Ganz so neu ist diese Entwicklung nicht. Nur standen die Ursprünge in einem etwas anderen Kontext.

Alles begann Ende der 60er in Düsseldorf. Das Restaurant des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri wurde zum Ausgangspunkt. Illustre Gäste wie Arman und Christo, Nikki de Saint Phalle und Tinguely trafen sich nicht nur zu legendären Gelagen, sondern zeigten in Spoerris wenig später eröffneten Eat Art Gallery Leckerbissen wie die „1a gebratene Fischgräte“ von Beuys, einen „Blauen Busenengel“ aus bemalten Lebkuchen von Richard Lindner und Spoerris Hostie mit dem Palindrom „Dogma I am God“. Oder sie fixierten die Hinterlassenschaften der Mahlzeit und erklärten das Durcheinander kurzerhand zum Kunstwerk.

Mit Objekten und Dokumenten aus jener Zeit serviert die Ausstellung „Eating the Universe“ Appetithäppchen. Die weitere Speisenfolge, mit der die Düsseldorfer Kunsthalle „Vom Essen in der Kunst“ erzählt, besteht aus vielen Sättigungsbeilagen und manch Schwerverdaulichem. Dem Rückblick auf die Anfänge steht die zeitgenössische Koch- und Ess-Kunst zur Seite.

Düsseldorf hat mächtig aufgetischt. Feinschmecker sollten sich aber in Acht nehmen. In der Kunsthalle haben viele Köche einen Brei aus unterschiedlichsten Zutaten angerührt. Hier naturwissenschaftliche Forschung, die zu Kunst wird, dort fettig riechende Konsumkritik: Während Philip Ross von ihm gezüchtete Pilze als Baumaterialien entdeckt, nagelt Judith Samen ihre Reibekuchen zu einem Quadrat an die Wand. Sonja Alhäuser konserviert ihre Butterskulptur in einem gläsernen Kühlschrank, Arpad Dobriban hängt geräuchertes Schweinefett an die Wand. Wer mag, darf sogar kosten.

Der Niederländer Zeger Reyers lässt seine komplett eingerichtete Küche um die eigene Achse rotieren - mit allen zerstörerischen Konsequenzen. Davor verharrt Thomas Rentmeisters Einkaufswagen unter einem Zuckerberg. Wer mag, darf über Verfallsprozesse und Überflussgesellschaft reflektieren. Sättigendes Gedankenfutter sieht anders aus.

Wie seinerzeit Spoerri fasziniert auch heute viele Künstler die Nähe von Leben und Kunst. Ob man gleich einen Raum mit Schokoladenglasur bestreichen muss wie Anya Gallaccio? Was nicht nur gut riecht, sondern den Genussmenschen versöhnt, findet sein Pendant in Paul McCarthys Video, in dem er fast nackt an rohem Fleisch lutscht, mit Ketchup herumschmiert und mit einem Dildo ein Mayonnaiseglas penetriert: kein Augenschmaus.

Der Speiseplan der Ausstellung lässt einem nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die Rolle der Eat Art im Kunstbetrieb ist eher Convenience Food als Haute Cuisine. Daran ändert die nachgebaute Küche von Christian Jankowski nichts, in der er mit Alfred Biolek Bohnensuppe gekocht hat - fast wie im Fernsehen.

Bis 28. Februar, Kunsthalle Düsseldorf, Tel. 0211/8996243, www.kunsthalle-duesseldorf.de.

Von Ulrich Traub

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