Thomas Gsellas böse Schmähgedichte auf Kassel und andere Städte gibt es jetzt in einem Band

Schmähgedicht auf Kassel: "Die City wie aus Hass gerührt"

Thomas Gsella

Wo Thomas Gsella auftaucht, muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Als Lyriker schreibt der ehemalige Chefredakteur des Satire-Magazins „Titanic“ ebenso komische wie böse Gedichte über Berufsgruppen und Städte.

Vor allem seine Kolumne „Ihre Stadt“ auf „Spiegel Online“ brachte die Menschen je nach Wohnort entweder zum Losprusten oder zum Schimpfen.

Nachdem er Kassel auf Schlamassel gereimt hatte, brachte es unser Leser Alex Thomas auf den Punkt: „Herr Gsella, weltgewandt und offen / schreibt ein Gedicht, / das lässt nichts Gutes hoffen.“ Aus lokalpatriotischer Sicht muss man hart im Nehmen sein. Aber wer böse Beschimpfungen liebt, wird mit „Ihre Stadt“, dem nun erschienenen Band, der sämtliche Schmähgedichte auf deutsche und andere Orte vereint, seine helle Freude haben.

Man erkennt, dass Gsella in der Tradition von Robert Gernhardt steht. Die größten Anfeindungen fasst er in geschmeidige Lyrik. Selbst über seine Geburtsstadt Essen reimt er Sätze wie: „Hautkranke Ratten werden roh gegessen.“ Mittlerweile lebt der 53-Jährige in Aschaffenburg. Die Stadt am Main sucht man im Buch vergebens. Wahrscheinlich hat Gsella Angst, aus Unterfranken vertrieben zu werden.

Thomas Gsella: Reiner Schönheit Glanz und Licht - Ihre Stadt - im Schmähgedicht. Eichborn Verlag, 128 Seiten, 9,95 Euro. Wertung: fünf Sterne

Eine Auswahl von Gsellas Schmähgedichten

Berlin

Sie sagen ick und mir statt mich

Und wichsen ihre Glatzen.

Sie flezen sich in Kiez und Strich

Auf siffigen Matratzen.

Sie können nichts und wissen nichts

Und sind zu dumm zum Siezen.

Sie hoffen nichts und missen nichts

und schimmeln in den Kiezen

Und sind, dem Herrgott sei's

geklagt,

zu blöd zum Brötchenholen.

Wer Hauptstadt der Versager sagt,

der meint Berlin (bei Polen).

Darmstadt

Das schönste Ding im Menschen heißt?

Ein Tipp: Es ist kein kurzes.

Es ist der Grund, aus dem du scheißt,

Und Vater deines Furzes.

Das schönste Ding des

Menschen ist?

Ein Tipp: das Werk der Ahnen.

Sie ist der Grund, auf dem du bist,

und Mutter des Urbanen.

Die schönste Stadt der

Menschheit klingt?

Ein Tipp: wie Scheißfurzhausen.

Aus diesem Grund lass

unbedingt

in Darmstadt einen sausen!

Kassel

Das Leben ist nicht wunderbar,

Und hier ist es unsäglich.

Hier sagt man „Frohes neues Jahr“

Vor lauter Unglück täglich.

Im Winter darben Mensch und Schwein

Mit Pommes und Polenta.

Im Sommer fallen Spinner ein Und machen documenta.

Die City wie aus Hass gerührt,

Der Bahnhof ein Schlamassel.

Leb' du zur Not in Ulm und Fürth,

Doch nie, niemals in Kassel.

London

Ein dichter Nebel steigt und fällt

als Tropfen aus den Wolken.

Dann hängen Fäden auf die Welt:

Der Himmel wird gemolken.

Es regnet, später nieselt es,

Dann fällt es wie ein Schleier.

Dann nebelt es und kieselt es

Kirschgroße Hageleier.

Kurz steht ein Sonnenschein bevor,

Dann geht's auf London nieder.

Ein neuer Nebel steigt empor.

Anschließend regnet's wieder.

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