Das Essener Museum Folkwang „Im Farbenrausch“

Leihgabe aus Privatbesitz: Erich Heckels „Badende am Waldteich“, 1910.

Essen. Im kleinen Fischerort Collioure im französischen Roussillon, nicht etwa in Paris, wurde 1905 der Grundstein zu einer weitreichenden Neuausrichtung der Kunst gelegt.

Unter der strahlenden Mittelmeersonne lösten die Freunde André Derain und Henri Matisse die Farben endgültig und radikal vom natürlichen Vorbild.

Die „Landschaft bei Collioure“ von Matisse wuchert mit Pinselstrichen und Punkten in Blau-, Grün- und Rottönen in nahezu abstrakter Weise. Derains Boote leuchten in knalligen Farben wie die Anzüge der Passanten und Hügel im Hintergrund. Schnell war der Begriff „Fauves“ (die Wilden) für die Maler gefunden, die Emotionalität und Spontaneität als Schaffensimpulse entdeckten.

Ernst Ludwig Kirchner, „Mädchen unter Japanschirm“, um 1909.

Im Essener Museum Folkwang wollen die 150 Exponate der Ausstellung „Im Farbenrausch“ den Einfluss der Fauvisten, zu denen auch Georges Braque und Maurice de Vlaminck gehörten, auf die Expressionisten nachweisen. Weil das als kuratorischer Ansatz nicht auszureichen schien, hat zudem ein gewisser Edvard Munch, der sowohl in Paris wie Berlin gelebt hatte, noch seinen Auftritt. Auch er als Wegbereiter für die „Brücke“-Maler und den Murnauer Kreis um Kandinsky, Münter, Jawlensky und Marc.

Aber los geht’s mit Cézanne und van Gogh, Gauguin und Signac - auch sie schwelgten ja schon farbig und waren, versteht sich, Vorbilder. Wer hier beim Lesen schon die Orientierung verliert, dem geht es wie dem Besucher der elf Säle, in denen die direkte Gegenüberstellung die Ausnahme ist. Meist bleiben die Vertreter der Stile unter sich. Bei den Fauvisten findet man violette Pinien und Olivenbäume oder einen knallbunten „Hafen von Antwerpen“ von weniger bekannten Künstlern wie Henri Manguin und Emile Othon Friesz.

Ein Fest der Farbe: „Flusslandschaft“ von Max Pechstein (um 1907). Fotos:  Museum Folkwang

In den „Brücke“-Kabinetten fallen - neben Stadtansichten von Dresden und Dangast von Heckel, Kirchner und Pechstein - ein „Parkweg“ und eine „Landschaft mit Feldern“ von Karl Schmidt-Rottluff ins Auge.

Wo die Ausstellung die Befreier der Farbe und ihre Gefolgsleute aufeinandertreffen lässt, schlägt sie herrlich bunte Funken: Stilisierte Figuren vor flächig buntem Hintergrund bei Matisse und Emil Nolde, Vereinfachung der Darstellung als Stilmittel der Akte bei Friesz und Marc und in den skulptural ausgeführten „Liegenden“ von Matisse und Kirchner, die nach neuen Formen streben.

Munchs abgewandten „Mädchen auf der Brücke“ von 1902 stehen in Essen die fünf Jahre später entstandenen, nahezu gesichtslosen Spaziergängerinnen in trostloser Landschaft von Marianne von Werefkin gegenüber.

Beim Forschen nach dem bahnbrechend Neuen dieser Kunst, der subjektiven Darstellungsweise und der Verwendung der Farbe, auf der Suche nach Einflüssen, Vergleichbarem und Unterschiedlichkeiten hätte der Besucher ein wenig mehr Hilfestellung erwarten dürfen. So bleibt die Ausstellung vorrangig ein farbenfrohes Kunst-Event.

Bis 13. Januar, Infos: 0201/ 8845-444, www.folkwang-im-farbenrausch.de; Katalog (Steidl) 35 Euro, DVD 15 Euro.

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