Trend in sozialen Netzwerken

Essensfotos im Netz: „Digitale Tischgemeinschaft“

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Expertin für Speise-Fotografie: Die Kasseler Bloggerin Katharina Küllmer.

Immer mehr Menschen stellen Fotos von ihren selbst gekochten Gerichten, selbst gebackenen Kuchen, bestellten Tellern in Restaurants bei sozialen Netzwerken online. Über diesen Trend sprachen wir mit dem Witzenhäuser Ernährungskultur-Forscher Daniel Kofahl.

Warum ist es wichtig, der Welt mitzuteilen, was wir essen?

Daniel Kofahl: Das ist die Überführung unserer traditionellen Mahlzeiten in die digitale Hochmoderne. Essen ist eigentlich egoistisch. Niemand außer mir kann mein Essen essen. In einer klassischen Tischgemeinschaft teile ich dieses Esserlebnis. In der modernen Gesellschaft nun lade ich mit einem Foto im Internet meine Freunde virtuell ein - zur digitalen Tischgemeinschaft.

Was sagt es aus, ob ich meinen Salatteller oder eine fette Sahnetorte fotografiere?

Kofahl: Man kokettiert damit, dass man sich was gegönnt hat. Oder was man sich verkniffen hat. Essen sagt immer etwas darüber aus, wer wir sind. Man kann beispielsweise Milieu, politische Einstellung und Risikobereitschaft daran ablesen. Eine risikoabgeneigte, politisch grün engagierte bürgerliche Akademikerin isst lokale Bioprodukte. Oder zumindest zeigt sie das gern. Ein fortschrittsoptimistischer Jungunternehmer greift zu Produktneuheiten.

Wenn sich die Bio-Akademikerin Milchschnitten reinhaut, wird sie das also heimlich tun.

Kofahl: Was ich an die Öffentlichkeit trage, inszeniert meinen Status. Wenn ich die raffinierte Kleinigkeit aus dem Feinschmeckerrestaurant poste, zeigt die meine Kennerschaft. Früher gab es das natürlich auch, wenn man Gäste schick bewirtet hat.

Abbildungen von Gerichten sind nichts Neues. Was ist heute im Internet anders?

Kofahl: Essen als Statussymbol hat seit dem Mittelalter an Bedeutung nicht abgenommen. Der Unterschied: Heute muss ich meine Essentscheidung begründen. Früher ging es darum, Pompöses aufzutischen, etwa Pfau. Auch wenn der nicht schmeckte. Pomp allein wirkt heute billig.

Ich muss also zu den Produkten etwas erzählen.

Kofahl: Diese Geschichten werden immer wichtiger. Dass ich eine kleine Käserei entdeckt habe oder dass ich im berühmten Restaurant Noma in Kopenhagen gegessen habe. Oder, wenn ich mich in anderen Kreisen bewege: Dass ich in einem Steakhouse ein 500-Gramm-Steak verputzt habe. Die Statusthemen sind kulturell unterschiedlich, alle brauchen eine Geschichte.

Warum können wir an einem Foto entschlüsseln, was der Verfasser uns sagen will?

Kofahl: Wir sind ästhetisch geschult. Je besser, desto differenzierter die Analyse.

In den USA wird lecker fotografiertes Essen Food Porn genannt. Was verbindet Essensfotos und Pornografie?

So sieht das bei Instagram aus: Fotos von Essensbildern.

Kofahl: Food Porn oder Kochshows können stellvertretender Genuss sein - anstatt etwas Tolles zu essen, schaue ich anderen dabei zu. Essen bleibt Fiktion. Oder es ist ein Stimulus: Man sieht etwas und will es haben. So ist es bei Pornografie auch.

Was bedeutet es, wenn Freunde auf ein Essensfoto „Gefällt mir“ klicken?

Kofahl: Sie teilen mir Aufmerksamkeit zu. Wichtiger wird, was unter einem geposteten Bild steht. Das ist das digitalisierte Tischgespräch. Hier findet Auseinandersetzung statt, hier kristallisiert sich Kultur. Jeder kann beim Essen mitreden. Durch digitale Medien demokratisiert sich das weiter.

Unser Beziehungs-, Sex- und Berufsleben hat sich durchs Internet verändert. Wie verändert sich unser Essverhalten?

Kofahl: Unser Verhalten und unsere Einstellung verändern sich, wenn wir uns fragen, wie sich ein Publikum zu einem Posting verhalten wird. Was esse ich, damit ich es schön posten kann? Früher hat es in unserem Leben mehr Entscheidungen gegeben, von denen nie jemand erfahren hat. Heute wird beim Essen ein künftiges Publikum fortwährend mitgedacht. Das kann entweder bedeuten, ich generiere eine Inspiration für andere, oder es kann mich unter Druck setzen, weil ich denke, ich müsste immer etwas Originelles tun und essen.

Zur Person

Der Soziologe Daniel Kofahl (31) ist Dozent für Ernährungskultur in Witzenhausen am dortigen Ableger der Kasseler Uni. Der verheiratete Rheinländer ist Vater einer Tochter. Er leitet das Witzenhäuser Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur (APEK) und ist Stadtverordneter für die SPD.

Von Bettina Fraschke

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