Wieder im Mai

Neue Theaterproduktion: Eugène Ionescos "Die Nashörner" in Göttingen

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Aufregung bei einer Theaterprobe: Paul Wenning, Judith Strößenreuter, Marco Matthes, Florian Eppinger, Gaby Dey, Christoph Türkay und Lutz Gebhardt in einer Szene von „Die Nashörner“.

Göttingen. Eugène Ionescos Klassiker des absurden Theaters, "Die Nashörner", kommt in Göttingen in der Regie von Thomas Dannemann auf die Bühne. 

Endlich nicht mehr sensibel und verantwortungsvoll sein müssen. Endlich die Moral samt der ewigen Bedenkenträger in den Wind schießen und auch mal über die Bedürfnisse anderer hinwegtrampeln dürfen. Klingt nach einer Beschreibung der aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnislage?

Bei Eugène Ionesco ist alles schon da. Der französisch-rumänische Meister des absurden Theaters schuf 1959 seine Tierfabel „Die Nashörner“, und wenn Thomas Dannemann sie heute am Deutschen Theater in Göttingen inszeniert, verblüfft es, wie genau das Stück auf die derzeitigen Diskurse passt. Egozentrische Beschäftigung mit sich selbst, Leistungsoptimierung bis ins Privateste, die Frage, wie man sich positionieren soll angesichts des Erstarkens einer unheimlichen Gruppe, die so ganz anders lebt als der gesellschaftliche Konsens. Der ganz selbstverständlich Zusammenriss erforderte, der es aber angesichts des immer stärker werdenden Wunsches, die Contenance und das Feingefühl im Schutz der Menge aufzugeben, immer schwerer hat.

Die nicht ganz ausverkaufte Premiere ist am Samstag mit langem Applaus aufgenommen worden. Ionesco erzählt davon, wie sich immer mehr Menschen dafür entscheiden, Nashörner zu werden, mit der Menge mitzutrampeln. Ausgerechnet der schwächliche Durchschnittstyp Behringer – ein großartig zweifelnder Marco Matthes in Plastiklatschen und fleckigem Shirt – verweigert sich dem Sog und verteidigt das Menschliche bis er allein auf der Welt zurückbleibt (Kostüme: Ulrike Gutbrod).

Mit einer kleinen, aber überzeugenden Regiezufügung holt das stark aufspielende Ensemble das Thema sogar noch näher an sich – und damit an alle – heran. Es spielt auf dem Vorplatz vor dem DT (Bühne: Alexander Wolf), ein Foto der Theaterfassade ragt im Hintergrund auf, die Speisekarten im Straßencafé sind die Originale aus dem DT-Bistro. 

Im zweiten Bild ist die Fassade um 180 Grad gedreht, wir sind in einer spanplattigen Welt hinter den Kulissen des Theaters, die Darsteller kleiden sich um für die Probe einer Büroszene, sprechen sich mit ihren eigenen Namen an („Florian, du stehst da wie Inge Meysel in der Endphase.“), und debattieren über die Nachrichtenlage. Sind wirklich Nashörner über den Platz gelaufen? Oder sind lediglich Gerüchte zu Fake News aufgebauscht worden?

Zu den beklemmendsten Szenen gehört der Dialog zwischen Behringer und seinem Kollegen Stech (mit großer Bühnenpräsenz: Christoph Türkay): Für was ist man bereit, sich einzusetzen? Stechs Fazit: „Wenn man sich Sorgen macht um die ganze Welt, kann man nicht leben.“ Er will „mit der Zeit gehen“, kündigt vollmundig an, die Situation von innen her zu verändern, und wird Nashorn. 

Behringers bester Freund Hans (irrlichternd: Sebastian Grünewald) hingegen, der gerade noch über Selbstoptimierung gefaselt hat, scheint sich nicht wehren zu können gegen seine rhinozeritische Verwandlung, er randaliert im Bistro. Bleibt Behringers Schwarm Daisy (Judith Strößenreuter). 

Die Liebenden ziehen sich ins Spießeridyll zurück, auf dem schicken Sofa lässt sich das Getrampele ringsum ertragen – Cocooning statt Widerstand. Doch dann schluchzt sich Daisy voller Selbstergriffenheit in einen gefühligen Monolog über die Anmut des deutschen Waldes hinein, driftet ins Nationalistische und erkennt in den Trampeltieren wahres Deutschtum.

Ferner spielen: Florian Eppinger, Lutz Gebhardt, Paul Wenning und Gaby Dey.

Wieder am 14., 25., 30. Mai, Karten: 05 51/ 496 93 00.

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