Sepulkralmuseum

Von Euphorie zum Entsetzen: Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Kassel

Exponate erzählen von Leid und Tod: Beinprothese und Stahlhelm. Fotos: Schachtschneider/dpa

Kassel. Auf ein Album mit Fotos aus einem Kasseler Lazarett steuert der Rundgang in der Ausstellung „Die Verwandlung. Sterben und Trauer 1914-1918“ im Museum für Sepulkralmuseum zu. Verletzte, versehrte, verstümmelte Soldaten hat ein Arzt aufgenommen, manche Bilder sind so grauenhaft, dass sie nicht ausgestellt werden können.

Daneben historisches Operationsbesteck sowie eine Amputationssäge, eine Prothese, ein Elektroschockgerät.

Auf drastische wie berührende Weise schildert die Kasseler Schau das unvorstellbare Leid der Soldaten an der Front, aber auch die Auswirkungen in der Heimat. „Wir wollten nicht ein weiteres Mal die Kriegsgeschichte erzählen“, sagt der stellvertretende Museumsleiter Gerold Eppler, der die Schau mit Volontärin Stefanie Hamann kuratiert hat. Das leisten große Häuser wie das Deutsche Historische Museum in Berlin oder das Militärhistorische Museum Dresden.

Thema in Kassel ist, wie der Krieg im Alltag angekommen ist, wie Menschen mit grauenhaften Erfahrungen umgingen. In Szene gesetzt haben die Exponate auf eindrucksvolle Weise die Kasseler Ausstellungsdesigner Jessica und Milen Krastev. Der Titel „Die Verwandlung“ entstammt der 1916 erschienenen Kafka-Erzählung („Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“). Er meint den radikalen Bruch durch den Krieg, der Staatsform und Grenzziehungen ebenso betraf wie Technologien, Kommunikation, Empfindungen. Man war bemüht, trotz aller Traumata irgendwie weiterzuleben, sich zu arrangieren, in das Schicksal fügen - „wie in einem Insektenstaat, in dem alle arbeiten, ohne sich aufzulehnen“, sagt Eppler: „Es gab sehr wenig Widerstand, kaum jemand hat sich gewehrt.“ Selbst Satireblätter schwenkten 1914 um auf patriotische Hurra-Stimmung.

In der Ausstellung lässt sich diesen tiefgreifenden Umbrüchen und Metamorphosen in vielfältiger Weise nachspüren. Alle Zeugnisse, Objekte und Kunstwerke entstammen ausschließlich den vier Kriegsjahren: Aus Euphorie wird desillusioniertes Entsetzen, wie die preußische Pickelhaube durch den Stahlhelm ersetzt wird. Anfangs buk man Haubitzen-Plätzchen oder Eiserne Kreuze, am Ende wurde Sägemehl in den Teig gemischt.

Eppler hat sich intensiv mit Schriftsteller Gustav Sack beschäftigt: „Eine schillernde, faszinierende Person“, die viel zu früh, mit 31, sterben musste: „Das zieht einem die Füße weg.“ Die Überlebenden versuchten sich an einer Sinnstiftung, die die Realitäten sentimental verschleierte und beschönigte. Darin lag bereits die Grundlage des nächsten Weltkriegs.

In der Ausstellung wird der Besucher nicht mit dieser düsteren Perspektive entlassen, sondern mit einem poetischen Bild. 17.000 Mohnblüten - sie stehen im englischsprachigen Raum für das Gedenken an Gefallene - hängen von der Decke, jeweils eine Blüte steht für 1000 Tote.

Hintergrund

Die Kasseler Schau ist eine Gemeinschaftsausstellung des Arbeitskreises selbstständiger Kultur-Institute (Aski), ein Verbund von 37 Kultureinrichtungen, die sich zu einem bedeutenden Anteil auf private Finanzierung stützen. Die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, die das Sepulkralmuseum trägt, ist Aski-Gründungsmitglied.

Exponate stammen unter anderem aus dem Literaturarchiv Marbach, dem Buddenbrook-Haus Lübeck, aus der Deutschen Kinemathek, dem Museum der Brotkultur Ulm und dem Max-Reger-Institut Karlsruhe. Die Akademie der Künste Berlin hat kostbare Werke von Max Beckmann, Otto Dix und George Grosz ausgeliehen.

Service

„Die Verwandlung. Tod und Sterben 1914-1918“ wird am Freitag, 19.30 Uhr, eröffnet. Sabine Wackernagel und Valentin Jeker tragen Texte vor. Die Ausstellung ist bis zum 10. Mai im Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25-27, in Kassel zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Do-So 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr. Umfangreiches Begleitprogramm, Führungen immer mittwochs 18 Uhr. 366-seitige Begleitpublikation: 19,90 Euro. Infos: Tel. 0561/9189328, www.sepulkralmuseum.de

Von Mark-Christian von Busse

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