Europa-Aufstand mit Bratwürsten: „Brüssel brennt, sorry“

Wenn die EU eine normale Bratwurst wäre, würde sie nicht jedem schmecken. Etwa nicht dem dementen Vater der Tierärztin Dora. Seine Tochter kämpft als Lobbyistin in Brüssel für mehr Menschlichkeit bei der Massentierhaltung in Europa.

Mit ihrem Verband hat sie gerade bessere Bedingungen bei Tiertransporten erreicht, aber ihr Vater sagt nur: „Bürgerinitiative. So eine Bratwurstigkeit. Eine unfähige Tochter bist du, eine Rabenmutter noch dazu.“

Dora hat es nicht leicht in Katja Hensels „Brüssel brennt, sorry“, dessen Uraufführung Martin Süß für das Kasseler Staatstheater inszeniert hat. Das Stück, das am Freitag im tif freundlichen Premierenapplaus bekam, ist die dritte Auftragsarbeit der Berlinerin für Kassel. Zuletzt ging es um schrumpfende Städte und die Finanzkrise. Diesmal hat sich Hensel nicht nur die Lobbyarbeit in Brüssel vorgenommen, sondern auch die Generationenfrage, ein nachhaltiges Leben und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Dora muss sich um ihren Vater kümmern, der Märchenkassetten für Kinder hört. Und ihr Sohn Jakob ist gerade vom dritten Elite-Internat geflogen und ein rebellischer Nichtsnutz. Er verabscheut das „Gutmenschentum“ seiner Mutter.

In der ersten Hälfte ist das Stück eine kurzweilige Analyse einer komplexen Welt mit hübschen Pointen. Einmal zeigt Jakob seinem Großvater eine Wunder-Kaffeemaschine, die sogar Mischbrot machen soll, was man als Allegorie auf die EU lesen kann: Auch sie soll jeden Wunsch erfüllen.

Christina Weiser spielt Dora als aufopferungsvoll kämpfende Frau, die an den Erwartungen ihrer Familie nur scheitern kann. Uwe Steinbruch ist als kranker Großvater wie immer ein Erlebnis, und Christoph Förster zeigt viele Emotionen, mit denen er zur Revolte gegen die EU aufruft. Irgendwann steht er auf einem der Dutzend Holztürme, die Timo von Kriegstein geschickt wie einen Wald auf die Bühne gebaut hat, und sieht Brüssel brennen.

Sein Großvater hortet derweil Bratwürste für Kriegszeiten. Da ist die Geschichte aber schon überfrachtet mit all ihren Themen und Monologen, was nicht an der Regie, sondern am Stück liegt. Bisweilen wirkt es so kompliziert wie der EU-Vertrag. Zu dem gibt es jedoch keine Alternative. Nachdem Jakob Brüssel angesteckt hat, wünscht er sich die EU doch zurück: „Noch kann alles wieder normal werden. Normal scheiße zwar, aber normal.“

Weitere Termine: 7. und 15. Februar sowie am 16. März. Karten: 0561/1094-222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.