Dänen lügen nicht

Dänen lügen nicht: Der Eurovision Song Contest im Protokoll

Malmö. Cascada versprach uns einen glorreichen Grand-Prix-Abend mit dem deutschen Beitrag „Glorious“. Unser Redakteur Matthias Lohr hat das Finale des Eurovision Song Contest aus Malmö protokolliert.

21.00 Uhr: Eurovision Song Contest. Es geht los – die Eurovisionshymne erklingt.

21.05 Uhr: Ein Chor singt die von den beiden ehemaligen Abba-Mitgliedern Benny Andersson und Björn Ulvaeus geschriebene Hymne: „We Write The Story“. Hatten die Schweden im Vorfeld nicht gesagt, die Show würde eine Nummer kleiner werden? Nun betreten die 26 Finalisten über eine lange Brücke die Halle – und es sieht doch wieder sehr imposant aus.

21.09 Uhr: Ganz schön mutig. Die Moderatorin Petre Mede trägt ein rosa Kleid. Hat sie noch nicht mitbekommen, dass Barbies in Berlin verbrannt werden, weil Feministinnen meinen, Pink würde stinken?

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21.14 Uhr: Jetzt geht es richtig los. Die Französin Amandine Bourgeois singt über „die Hölle und mich“. Vielleicht meint die 33-Jährige damit ihr Duett mit den Scorpions, für die sie im vorigen Jahr „Still Loving You“ ins Französische übersetzt hat. Bluesig, verrucht und ein starker Auftakt.

21.18 Uhr: Indie-Pop mit U2-Gitarren und Depeche-Mode-Synthies aus Litauen. Wieso gibt es so was nicht öfter beim ESC?

21.22 Uhr: Wäre der ESC ein Frisurenwettbewerb, müsste Aliona Moon aus Moldawien gewinnen. Ihre Tolle ist beeindruckend. Am Ende des Auftritts sieht es auch noch aus, als würde ihr Kleid in Flammen stehen. Coole Show, aber jetzt habe ich gar nicht auf das Lied geachtet.

21.06 Uhr: Die Kollegen von „Spiegel Online“ haben das Finale mit der schönen Schlagzeile angekündigt: „Ding-Dong ist das neue Knick-Knack.“ Das bringt das Wesen des Grand Prix ziemlich gut auf den Punkt. Die Finnin Krista Siegfrieds singt davon, dass sie geheiratet werden möchte und macht dazu „Ding-Dong.“ Guter-Laune-Pop im Stil von Katy Perry.

21.30 Uhr: Europa ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Die Spanier läuten ihre Midtempo-Rock-Nummer mit einem Dudelsack ein und klingen erst einmal wie Schotten. Dann geht das Lied aber gut ab. So was haben ihre Landsleute Heroes del Silencio vor 20 Jahren auch schon gemacht. Zeitlos gut.

21.34 Uhr: Der Belgier Roberto Bellarosa mit den urwaldgroßen Augenbrauen ist einer von vielen Casting-Siegern im Finale – er triumphierte bei „The Voice“. Vielleicht klingt die eingängige Pop-Nummer deshalb etwas austauschbar.

21.38 Uhr: Die erste Ballade des Abends kommt aus Estland. Geht ein bisschen unter. Die wichtigste ESC-Regel lautet ja immer noch: Balladen haben es sehr schwer.

21.43 Uhr: Aljona Lanskaja aus Weißrussland klingt wie Ruslana, die 2004 für die Ukraine gewann. Kann man diesen sexistischen Trommel-Folklore-Mist nicht endlich verbieten?

21.47 Uhr: Gianluca Bezzina aus Malta ist Kinderarzt. Wenn er am Krankenbett auch so nette Feel-good-Liedchen singt, geht es den kleinen Patienten bestimmt schnell besser. Die Stimmen des europäischen Bruno-Mars-Fanclubs dürfte er sicher haben. Wie die Musik des Hawaiianers klingt nämlich auch sein lässiger Beitrag.

21.50 Uhr: Ich traue mich nicht, es zu schreiben: Aber diese pompöse Friedenshymne aus Russland, die von Schweden geschrieben wurde, ist mein persönlicher Favorit. Hoffentlich liest das hier keiner. „Mister Grand Prix“ Peter Urban ist wie immer großartig und spricht wegen der vielen Lichter von der „Ikea-Lampenabteilung“. Ich glaube, ich würde den Grand Prix auch ohne Musik schauen. Hauptsache, man hört die Stimme des ARD-Experten. Urban könnte auch das Nichts kommentieren, und es wäre eine Freude.

21.55 Uhr: Cascada alias Natalie Horler betritt für Deutschland die Bühne – und sie hat tatsächlich etwas an. Ich glaube nicht, dass sie ganz vorn landet, denn noch nie hat das gleiche Lied zweimal hintereinander gewonnen. Abgesehen davon, dass Cascada der Guttenberg des ESC und „Glorious“ eine schlechte Kopie von Loreens Vorjahressiegerhit „Euphoria“ ist (egal was Gutachter meinen), muss man sagen: Horler singt sehr gut und liefert eine souveräne Show. Ich schäme mich trotzdem für mein Land wegen so viel Einfallslosigkeit.

21.58 Uhr: Das ist Globalisierung: Die armenische Rocknummer wurde vom Black-Sabbath-Gitarristen Tony Iommi komponiert. Aber große Namen allein reichen nicht.

22.05 Uhr: Zum ersten Mal seit 2004 stehen die Niederlande wieder im Finale. Anouk war eigentlich Hardrocksängerin und beweist nun mit dieser nicht einfach zu singenden Ballade viel Gefühl. Aber eine Ballade bleibt halt eine Ballade (siehe oben).

22.10 Uhr: Endlich kommt Trash, und zwar richtig guter. Das Falsett des rumänischen Karpaten-Kastraten, der aussieht wie Graf Dracula, ist beeindruckend. Und zu den 80er-Jahre-Plastik-Beats tanzen nackte Männer und Frauen. Dieser Cezar könnte eine Überraschung landen wie 2006 die finnischen Maskenrocker von Lordi.

22.14 Uhr: Die englische Sängerin Bonnie Tyler hat vorher keinen Hehl daraus gemacht, dass sie botoxgestärkt ins Rennen geht. Der vom US-Star-Komponisten Desmond Child geschriebene Song ist nett, aber auch ein bisschen langweilig. Er könnte ebenfalls etwas Botox vertragen. Auf jeden Fall singt Tyler besser als ihr Landsmann Engelbert im Vorjahr, der nur wenige Töne traf.

22.19 Uhr: Das schwedische Casting-Sternchen Robin Stjernberg steht auf verlorenem Posten. Noch nie hat ein Siegerland den Titel verteidigt. Dabei ist das Elektro-Pop-Lied mitreißend. Wenn Coldplay eine Boyband wären, würden sie so klingen. Einer der Tänzer sieht aus wie Star-Fußballer Zlatan Ibrahimovic, der in Malmö aufwuchs. Schade, dass der echte Zlatan heute mit Paris St. Germain ein Punktspiel hat. Der eigenwillige Profi, der schon mal per Fallrückzieher fast von der Mittellinie traf, würde den Saal seiner Heimatstadt so richtig rocken.

22.23 Uhr: Solche Typen wie der Ungar Alex laufen in Berlin-Mitte zu Tausenden rum: Bart, Nerd-Brille und Mütze. Ohne geht der Hipster von heute nicht auf die Straße. Zu dem harmlosen Pop-Song fällt mir beim besten Willen aber nichts ein.

22.27 Uhr: Die barfuß auftretende Dänin Emmelie de Forest ist das, was Bayern München in dieser Bundesliga-Saison war. Wer auf die beiden wettet, macht nicht viel Gewinn. Mit jeder Probe in Malmö zementierte die 20-Jährige ihre Favoritenrolle noch mehr. Dabei darf man nicht vergessen: 90 Prozent der Zuschauer, die abstimmen, hören die Wettbewerbsbeiträge heute zum ersten Mal. Ob der Ethno-Song mit seinen Trommeln und Flöten bei ihnen gleich den Weg ins Ohr findet? Ich finde ihn sehr eingängig, irgendwie aber auch seelenlos.

22.31 Uhr: Wer meint, der Grand Prix sei früher besser gewesen, dem wird die klassische Ballade des langhaarigen Isländers Eythor Ingi Gunnlaugsson gefallen. Einfach schön.

22.35 Uhr: Synchronsingen im Glaskasten – Farid Mamedow aus Aserbaidschan lässt sich von einem Alter Ego im durchsichtigen Würfel doubeln. Tolle Choreografie, die man noch viel mehr hätte genießen können, wenn die Regie nicht ständig die Kameras heranzoomen würde. Das nervt schon den ganzen Abend.

22.38 Uhr: Die Griechen schicken einen Titel ins Rennen, der so populistisch ist wie eine Rede von Horst Seehofer. „Alcohol is free“ lautet das Motto. Dazu gibt es Balkan-Beats, Ska und Folklore. Gefällt einem wahrscheinlich erst nach dem siebten Ouzo. Aber schön, dass die Griechen überhaupt dabei sind – andere Nationen haben ihre Teilnahme wegen der Wirtschaftskrise abgesagt. Hoffentlich gewinnen Koza Mostra & Agathonas Iakovidis nicht. Dann müsste Griechenland 2014 diesen sündteuren Wettbewerb ausrichten und wäre endgültig nicht mehr zu retten.

22.42 Uhr: Die Ukraine lässt ihre Sängerin von einem 2,35 Meter großen Riesen auf die Bühne tragen. Irgendwie passt diese Die-Schöne-und-das-Biest-Freak-Show zu der kitschigen Musical-Nummer.

22.46 Uhr: Solche schmachtenden Balladen können nur Italiener. Oder ist das rassistisch, also positiv diskriminierend? Marco Mengoni gewann bereits beim renommierten San-Remo-Festival und wird auch heute weit vorn landen.

22.50 Uhr: Den Electro-Pop der Norwegerin Margaret Berger hört man eher im Keller-Club als beim Grand Prix. Bringt Abwechslung an diesem langen Abend, der irgendwie doch ganz kurzweilig ist.

22.54 Uhr: Für „Waterfall“ haben die Georgier den Komponisten des schwedischen Siegertitels aus dem Vorjahr engagiert. Hier finden Klassik und Pop zusammen. Die Deutschen hatten mit Nica & Joe ein ähnliches Duett im Vorentscheidungsprogramm. Aber Sophie und Nodie sind doch eine ganze Nummer größer.

22.59 Uhr: Keiner hat den Grand Prix öfter gewonnen als die Iren. Einen achten Triumph wird es mit diesem einfältigen Dance-Pop heute aber nicht geben.

23.04 Uhr: Es gibt noch einmal alle 26 Kandidaten im Schnelldurchlauf. Auf Twitter schreibt der Blogger Jens Schröder (Popkulturjunkie), dass es immerhin zwei Songs gebe, „die ich mir hinterher freiwillig noch mal anhören würde: Niederlande und Norwegen.“ So schlimm fand ich es gar nicht.

23.08 Uhr: Wer lädt sich eigentlich diese fast 30 Megabyte große ESC-App auf sein Handy, die ständig beworben wird und mit der man abstimmen kann, wenn man nicht anrufen oder eine SMS senden möchte? Und zu was braucht man die danach überhaupt noch? Sollten nächstes Jahr nicht auch Faxe ausgewertet werden?

23.30 Uhr: Wenn man sich die lustig gemeinten schwedischen Einspielfilmchen und das Unterhaltungsprogramm näher betrachtet, möchte man nie mehr über das deutsche Fernsehen schimpfen.

23.39 Uhr: Jetzt geht es aber wirklich los – die Punktevergabe. Die ersten Zähler verteilt der Zwergstaat San Marino. Zwölf Punkte gibt es für Griechenland. Darauf einen Ouzo.

23.51 Uhr: Nach 12 von 39 Ländern, die ihre Punkte vergeben haben, sieht alles nach einem Zweikampf zwischen Dänemark (85) und Aserbaidschan (80) aus.

23.56 Uhr: Das ist die Vorentscheidung: Dänemark hat nun 36 Punkte Vorsprung auf die Ukraine – und es sind bereits 17 Länder ausgezählt. Oh, Gott: Ich schreibe Sätze, als ginge es um die Bundestagswahl. Und damit wären wir bei Peer Steinbrück: Deutschland liegt mit 17 Zählern auf dem 18. Rang. Die „Glorious“-Kopie kommt nicht an. Peter Urban tut so, als würde ihn das überraschen.

0.10 Uhr: Es ist nicht der Abend der Deutschen: Lena Meyer-Landrut verwechselt bei der Punktevergabe Dänemark mit Norwegen. Kann passieren, aber bei der Grand-Prix-Siegerin von 2010 wirkt es immer so, als hätte sie Smarties mit anderen Pillen verwechselt. Ich wünsche mir Anke Engelke zurück, die im vorigen Jahr Grand-Prix-Geschichte schrieb, als sie als einzige am langen Abend in Baku die Menschenrechte in Aserbaidschan anmahnte. Zwölf Punkte aus Deutschland gehen überraschend nach Ungarn – wahrscheinlich wegen der Hipster aus Berlin-Mitte, die ihr Double toll fanden. Dabei müssten die um diese Zeit doch im Techno-Club Berghain sein.

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0.13 Uhr: Dänemark bekommt immer mehr Höchstwertungen und hat nun schon mehr als 200 Punkte und damit 40 Zähler Vorsprung auf die Ukraine. Dänen, das kann man jetzt sagen, lügen nicht. Peter Urban kann es nicht fassen, dass Cascada mit 17 Punkten nur auf dem 19. Rang liegt. Immer wieder sagt er: „Das hat Natalie Horler nicht verdient.“ Sorry, aber Peter Urban verliert gerade ein bisschen seine Würde. Natürlich hat sie das verdient.

0.20 Uhr: Nach zwölf Punkten aus Mazedonien und 35 von 39 Ländern steht Dänemark als Sieger fest – 13 Jahre nach dem Triumph der Olsen Brothers. Emmelie de Forest jubelt und wird aus dem Green Room auf die Bühne gebeten. Ob „Only Teardrops“ so ein Hit wie „Euphoria“ wird? Ich glaube nicht und werde das Lied morgen schon wieder vergessen haben.

0.26 Uhr: Peter Urban ist immer noch ratlos und fürchtet eine typisch deutsche Debatte, die nach dem 21. Platz von Cascada wieder alles in Frage stellt. „Man soll die Kirche im Dorf lassen“, rät er, „es ist Musik und nichts Todernstes.“ Da hat er natürlich Recht. Trotzdem hätte man schon vor dem Finale wissen können, dass das mit „Glorious“ und Natalie Horler keine glorreiche Idee ist. Der ESC ist schließlich kein Cover-Wettbewerb – und auch keine Peep-Show. Stefan Raab, der in den Jahren zuvor für die deutsche Renaissance beim Grand Prix verantwortlich war, wäre das nicht passiert.

Die Top Fünf:

1. Dänemark, Emmelie de Forest mit „Only Teardrops“: 281 Punkte

2. Aserbaidschan, Farid Mammadov mit „Hold Me“: 234

3. Ukraine, Zlata Ognevich mit „Gravity: 214

4. Norwegen, Margaret Berger mit „I Feed You My Love”: 191

5. Russland, Dina Garipova mit „What If“: 174

21. Deutschland, Cascada mit „Gloriuos“: 18

Alle Ergebnisse mit den Videos vom Auftritt:

http://www.eurovision.de/teilnehmer/index.html

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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