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Ausstellung mit Bildern aus Afghanistan von Fotografin Anja Niedringhaus

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Ein Nomade in Mardscha, Provinz Helmand, mit seiner Tochter: Eine der Aufnahmen in der Ausstellung von Anja Niedringhaus im Evangelischen Forum in Kassel
Ein Nomade in Mardscha, Provinz Helmand, mit seiner Tochter: Eine der Aufnahmen in der Ausstellung von Anja Niedringhaus im Evangelischen Forum in Kassel © Anja Niedringhaus/ap/Ev. Forum

Im April 2014 wurde sie in dem Land erschossen, vom dem sie so fasziniert war: Afghanistan. Das Evangelische Forum in Kassel zeigt eine Ausstellung mit Aufnahmen der preisgekrönten AP-Fotografin Anja Niedringhaus. Zur Eröffnung kamen prominente Journalisten-Kollegen.

Kassel – Immer wieder hatte Christoph Reuter, „Spiegel“-Korrespondent in den Krisengebieten „von Marokko bis Pakistan“, mit Anja Niedringhaus darüber gesprochen, dass sie mal in Ruhe zusammen essen gehen müssten. So oft trafen sie sich zufällig, zwischen Stacheldraht oder Sandsäcken, vor Pressekonferenzen von Militärs, beim Warten auf Genehmigungen, auf ein Visum vor der afghanischen Botschaft in Berlin.

Als die Fotografin der Agentur Associated Press (AP) Anfang April 2014, einen Tag vor den Präsidentschaftswahlen, über die sie mit ihrer kanadischen Kollegin Kathy Gannon berichtete, in Ostafghanistan erschossen wurde, war es zu einer solchen Verabredung nie gekommen.

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Afghanistan – Unvergessen“ im Evangelischen Forum erzählte Reuter, für seine Berichte aus der Ukraine aktueller Hanns-Joachim-Friedrichs-Preisträger, von den Begegnungen mit Niedringhaus, die neben ihrem Wohnsitz in Genf eine Wohnung auf dem Hof ihrer Schwester in Kaufungen hatte. Als sie beerdigt wurde und er Magnolien mitbrachte, die sie so liebte, erfuhr Reuter, wie geerdet und entspannt Niedringhaus lebte, wenn sie nicht an den Konfliktherden dieser Welt unterwegs war.

Anders als viele Kriegsberichterstatter sei sie nie zynisch geworden: „Sie begegnete dem mit Leichtigkeit. Sie hat sich nicht verzehren lassen. Sie war nicht eitel und nicht bitter.“ Man habe mit ihr wunderbar über bizarre Anekdoten lachen können.

Ebenso persönliche Erinnerungen steuerte die stellvertretende Chefredakteurin der Deutschen Presse-Agentur, Jutta Steinhoff, bei. Sie kannte Niedringhaus seit ihren Anfängen in Göttingen, die beiden wohnten zeitweilig zusammen. Die Würde der Fotografierten zu achten, die Wahrheit des Bildes gelten zu lassen („einen Filter zu benutzen wäre ein Kündigungsgrund“) – das sei für sie selbstverständlich gewesen.

Beide betonten Niedringhaus’ empathisches Gespür für „innige Momente“, wie es Steinhoff sagte. „Man kann Krieg als Spektakel abbilden“, sagte Reuter, „Anja hatte ein Auge für Menschen.“ Und für ihre „zerbrechliche Hoffnung auf ein gutes Leben“. Sie selbst hoffte, wie Steinhoff hervorhob, vor allem in ihren ersten Jahren im zerfallenden Jugoslawien, dass ihre Bilder Wirkung haben sollten. Wenn sie einen Ausgleich brauchte, fotografierte sie Sportereignisse: Wimbledon, Fußball-Weltmeisterschaften, Olympia.

Ob spielende Kinder oder US-Soldaten – die Auswahl von Niedringhaus’ Aufnahmen, die längst in Museen zu sehen sind, beweist ihre Beobachtungsgabe, ihr Gespür für Bildgestaltung, für Kompositionen in der Schnelligkeit des Agenturjourmalismus. Niedringhaus mochte keine „Bang-Bang-Fotografen“, erzählte Steinhoff: „Sie war nicht Kamikaze.“ Dass sie im „Irrsinn“ Afghanistans einem Anschlag zum Opfer fiel, „hätte uns allen so gehen können“, sagte Reuter: „Anja hat absolut alles richtig gemacht.“ Die von Susanne Jakubczyk organisierte Ausstellung mit diesem bewegenden Eröffnungsabend zeigt, wie sehr sie fehlt.

Bis 9. Dezember, Lutherplatz, Di, Fr 10-13 Uhr, zu Veranstaltungszeiten und auf Anfrage, Führungen mit Anmeldung: 23.11., 29.11., 17 Uhr und n.V, Tel. 0561/28 76 021. Am 10. Dezember, 15 Uhr, im Filmladen: „Die Bilderkriegerin – Anja Niedringhaus“.

Zur Person

Anja Niedringhaus, am 12. Oktober 1965 in Höxter geboren, begann als freie Fotografin für die „Neue Westfälische“ und das „Göttinger Tageblatt“. Studium der Germanistik, Philosophie und Publizistik in Göttingen. Von 1990 bis 2002 gehörte sie der European Press Photo Agency (EPA) an – als Büroleiterin in Sarajewo, Moskau und Chief Photographer. 2002 wechselte sie zu Associated Press (AP). Niedringhaus wurde vielfach ausgezeichnet, darunter mit einem AP-Team mit dem Pulitzer-Preis und dem Nieman-Fellowship-Stipendium an der Harvard Universität. Am 4. April 2014 wurde sie in Banda Khel in Ostafghanistan erschossen. 

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