Die Ex-Hure in den Charts: Rapperin Schwesta Ewa im Interview

Schwesta Ewa

Ihre Songs tragen Titel wie "Nonne wird Nutte" und "Paxx im Puff". Schwester Ewa weiß, worüber sie rappt. Die Frankfurterin war Prostituierte. Nun erobert sie die Musik-Charts.

Früher stand sie auf dem Straßenstrich, heute steht ihr Debütalbum auf Rang elf der deutschen Charts. Auf „Kurwa“ rappt die ehemalige Prostituierte Schwesta Ewa über ihre Vergangenheit als Prostituierte. Die Frankfurterin hat tatsächlich Talent, ihre Musik klingt funky und nach dem Sound der Westcoast-Rapper aus den frühen 90ern. Wir sprachen mit der 30-Jährigen.

Wenn es im HipHop um Frauen geht, tauchen sie meist als Schlampen oder Nutten auf. Sind Sie die Rache der Frauen, weil Sie in Ihren Texten die Männer fertigmachen? 

Schwesta Ewa: Rache ist das nicht. Ich sage einfach, was ich fühle und denke. Es gibt viele Frauen im HipHop. Nur trauen die sich nicht richtig. Man muss Ellenbogen haben.

Ihr Rap-Talent haben Sie früh unter Beweis gestellt. 

Schwesta Ewa: Das war noch, als ich mit Kumpels im Jugendclub abhing. Die haben mich mit ihren Raps gedisst. Irgendwann habe ich sie auch beleidigt. Richtig ans Mikro habe ich mich jedoch erst vor vier Jahren getraut. Xatar, mein heutiger Labelchef, sagte: „Komm, raus aus dem Rotlichtmilieu.“ Ich dachte, okay, ich kriege ein paar Klicks bei Youtube und so neue Kunden im Puff. Aber ich hätte nie gedacht, dass das so groß wird.

Einmal rappen Sie über eine 16-Jährige, die von Ihren Eltern geschlagen wird und auf dem Strich landet. Sind alle Geschichten wahr? 

Schwesta Ewa: Ja, das Authentische ist meine Stärke. Ich wäre niemals so erfolgreich, wenn ich wie die anderen Mädels über Blumen und Schmetterlinge rappen würde. Einige der Menschen konnten die Lieder, die von ihnen handeln, nicht mehr erleben. Elise etwa, über die ich in „Für Elise“ rappe, hatte Aids und war auf Drogen. Mittlerweile ist sie tot.

Wieso wollten Sie zunächst nicht aufhören als Hure? 

Schwesta Ewa: Wegen des Geldes. Ich habe über 20 Mille im Monat gemacht. Jetzt erkennen mich die Leute auf der Straße, aber die Miete kann ich von der Musik nicht bezahlen. Deshalb habe ich eine Lounge eröffnet, die Stoltze-Bar an der Konstablerwache.

Immer wieder wird diskutiert, ob man Prostitution in Deutschland verbieten sollte. Wie fänden Sie das? 

Schwesta Ewa: Total schwachsinnig. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn die Männer, die zu mir gekommen sind, ihre perversen Fantasien zu Hause ausgelebt hätten. Viele haben mich gefragt: „Kannst du bitte meine kleine Tochter spielen?“ Natürlich habe ich dann die Tochter gespielt, bevor sie sich zu Hause an den Mädchen vergreifen. Es ist gut, dass die Frauen im Puff da sind. Sonst wäre die Welt da draußen schrecklich. Zudem ist das Rotlichtmilieu ein Milliardengeschäft. Wenn das alles wegfällt, weiß ich nicht, wie es mit Deutschland weitergehen soll.

Wie hält man die perversen Fantasien der Kunden aus? 

Schwesta Ewa: Man schaltet ab und darf sich keinen Kopf machen. Wenn man labil ist, kann man den Job nicht machen, denn der Kopf wird mehr gefickt als untenrum. Trotzdem habe ich einen typischen Puffschaden. Bei mir waren Männer mit Ehering und Kindersitz im Auto. Heute kann ich keinem Mann mehr vertrauen. Auch meinem Freund nicht. Ich glaube, jeder Mann betrügt seine Frau.

Angeblich sind die meisten Huren Zwangsprostituierte. 

Schwesta Ewa: Seitdem die Grenzen offen sind, gibt es viel Zwangsprostitution, klar. Neben mir auf dem Straßenstrich standen drei Frauen im neunten Monat mit so einem dicken Bauch. Die standen nicht freiwillig da. Und nach drei Tagen standen sie wieder da - nur der Bauch war weg. Prostitution ist keine heile Welt. Aber die Frauen, die ich kenne, sind freiwillig da und machen es, weil es Geld bringt.

Sie sagen sogar, der Freier sei das Opfer, nicht die Prostituierte. Wie meinen Sie das? 

Schwesta Ewa: In den letzten Jahren war ich eine Abziehhure. Ich habe meine Kunden Duschen geschickt und bin an ihr Portemonnaie oder schnell zum Bankautomaten. Oder ich habe ihnen erst alles versprochen, und im Zimmer haben sie dann gar nichts bekommen. Viele Frauen arbeiten so. Deswegen glaube ich, dass der Freier das eigentliche Opfer ist.

Schwesta Ewa: Kurwa (Alles Oder Nix Records ).  Wertung: drei von fünf Sternen.

Zur Person: Geboren: 1984 in Polen als Ewa Müller. Aufgewachsen: in Kiel mit ihrer Mutter und zwei Brüdern. Ihren Vater, der wegen Mordes im Gefängnis war, hat sie bis heute nicht gesehen. Beruf: Nachdem sie in einem Rotlichtlokal gekellnert hatte, wurde sie Prostituierte. Insgesamt ging sie zehn Jahre anschaffen - vor allem in Frankfurt, zeitweise aber auch in Kassel („Den Club weiß ich nicht mehr“). Musik: Entdeckt wurde Schwesta Ewa vom Rapper Xatar, der bis Dezember wegen des Überfalls auf einen Goldtransporter im Gefängnis war. Privates: Lebt in Frankfurt. Ihr Freund arbeitet weiterhin im Rotlichtmilieu.

Von Matthias Lohr

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