Explosionen im Klanglabor: The Notwist im Kasseler Kulturzelt bejubelt

Unprätentiös: Markus Acher von The Notwist im Kulturzelt, dahinter Karl Ivar Refseth. Foto: Schachtschneider

Kassel. In jeder Kulturzelt-Saison ist immer auch der Vergleich interessant. Mittwochabend sorgte Kurt Wagner von Lambchop, der das Elektronikgefrickel gerade erst für sich entdeckt hat, für eine fast beschaulich-behagliche Stimmung. Tags drauf nutzten The Notwist ebenfalls Elektronik-Samples. Sie jedoch hauten zu sechst so richtig auf die Sahne.

Die Klangtüftler mit Wurzeln im oberbayerischen Weilheim erinnerten bei ihrem frenetisch gefeierten Auftritt – dem ersten in Kassel ohne Martin Gretschmann (Console) – an Chemiestudenten-Nerds, die diebisches Vergnügen haben, wenn es bei Experimenten ordentlich Puff und Bämm macht und irgendwas in die Luft fliegt. Oder an Jungs, deren ferngesteuerte Modellautos so oft gegen die Wand brettern, bis eins zerschellt.

Es war außerordentlich eindrucksvoll zu erleben, was die Brüder Markus und Micha Acher, Christoph Beck (überwiegend Keyboard), Drummer Andi Haberl, Karl Ivar Refseth (Vibrafon) und Max Ehwald mit dem altbekannten, dem altersmäßig gemischten Publikum vertrauten Songmaterial veranstalteten: Wie ein realistisches Bild, das sie als kubistisches Gemälde, verfremdet und verzerrt, neu zusammensetzten.

Nicht nur, dass die meist mit melodiös-melancholischen Klangtupfern beginnenden Titel einen hypnotischen Sog entwickelten, Notwist erhöhten durch Tempoverschärfungen den Pulsschlag, hielten ihn hoch, bis sie die Stücke geradezu explodieren ließen, um zuletzt zum gemächlichen Ausgangspunkt zurückzukehren. Das kam einem so vor, wie wenn auf dem Fußballfeld eine Abwehr unter Druck den befreienden, öffnenden Pass spielt: Jubel unter den Fans.

Den Ball ins Aus spielte die Band nie, ein Durchschnaufen gab’s beim garantiert kräftezehrenden, fast zweistündigen Konzert nicht. Fugenlos ging ein Song in den nächsten über, mehr als „Vielen Dank“ und „Entschuldigung“, als er eine Strophe vergaß, äußerte der unprätentiöse Sänger Markus Acher nicht. Notwist agierten konzentriert wie im Studio – Bastler im Klanglabor, bis die Saite reißt.

Beeindruckend auch, welche Vielfalt das Instrumentarium aufwies. Zu allem Elektroschnickschnack kamen Glöckchen, Schellenringe und sogar übers Vibrafon gezogene Geigenbögen. Dann wieder gab es Techno-Rhythmen.

Das Licht tat ein Übriges (auch das anders als beim kargeren Lambchop-Auftritt). Da schienen die Scheinwerfer zu zucken, grelle Lichtblitze strahlten ins volle Zelthalbrund, wo die Besucherreihen im Takt wogten.

Von Mark-Christian von Busse

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