Das Festival „Theaterformen“ untersucht, was aus den Utopien des holländischen Baus geworden ist

Ein Expo-Pavillon wird wach geküsst

Einst Besuchermagnet, inzwischen dem Verfall preisgegeben: Der holländische Expo-Pavillon in Hannover. Foto: dpa

Hannover. Es sollte ein Symbol für die Zukunft sei: Als die Niederlanden vor elf Jahren ihren Pavillon auf der „Expo 2000“ eröffneten, waren sich Experten und Besucher einig: So könnte man in wenigen Jahrzehnten leben und arbeiten.

Auf mehr als 40 Meter Höhe hatten die Architekten Landschaften übereinandergestapelt: ein Wald, hochtechnische Wohn- und Arbeitseinheiten, und oben auf dem Dach Windkraftwerke. Ökologisch sollte der Pavillon sein, offen, bunt und mehrschichtig - so, wie sich Holland selbst sah.

Jetzt, elf Jahre nach der Expo, steht der holländische Pavillon wie ein Symbol untergegangener Utopien brach und ungenutzt herum. Die Natur hat sich viel zurückerobert. Nachts und am Wochenende kommen die Graffiti-Sprüher, die Skateboarder und BMX-Fahrer, die Liebespaare oder die, die feiern wollen und später dann Scheiben einwerfen oder Dinge anzünden. Als „Lost Place“, als verlorener oder verlassener Ort, ist das Gebäude inzwischen auch über Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden.

Doch nun regt sich wieder Leben im Gebäude. Für elf Tage wird der Pavillon zum Spielort des internationalen Festivals „Theaterformen“, eines der wichtigsten im deutschsprachigen Raum. „Der holländische Pavillon gilt bei vielen als bestes Beispiel für Misserfolg und Fehlplanung. Doch das sehen wir nicht so“, sagt Lavinia Francke, Geschäftsführerin der „Theaterformen“. Für sie ist er eher ein romantischer Ort.

Im Herbst 2010 lud sie die italienische Künstlerin Anna Rispoli nach Hannover ein und zeigte ihr verschiedene Orte für eine Performance. Rispoli entschied sich für den Pavillon und machte sich mit dem hannoverschen Künstlerduo Lotte Lindner und Till Steinbrenner an die Arbeit.

In einer Mischung aus Hausbesichtigung, Hörspiel und Performance führen die drei unhter dem Titel „Die Erfindung des Fahrstuhls“ von Donnerstag an Besucher über die verschiedenen Ebenen des Pavillons. Das Gebäude bekommt dabei eine Stimme und erzählt von seiner Geschichte und von der Zukunft. Zwischen alten Bäumen wurde ein nach-apokalyptischer Garten angebaut. Hier soll der letzte Mensch der Erde leben, mit dem wohl besten Blick auf ganz Hannover.

„Für mich zeigt der Pavillon, dass wir das Konzept des unendlichen Wachstums überdenken müssen“, sagt Rispoli. „Architektur und Stadtplanung müssen wieder die Bedürfnisse des Menschen ins Zentrum stellen.“

Damit diese bei der Besichtigung nicht zu Schaden kommen, wurde im Vorfeld die Statik des Gebäudes überprüft und an vielen Stellen ausgebessert. „Die Zusammenarbeit mit den Behörden war sehr gut“, sagt Pavillon-Besitzer Olaf Körper. „Man hat gemerkt, dass alle froh waren, dass wieder Leben ins Gebäude kommt.“

Körper hofft nun darauf, dass das Theaterstück der erste Schritt in eine neue Zukunft seines Bauwerks auf dem Expo-Gelände ist. (dpa)

Von Constantin Alexander

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