Gustav-Mahler-Festtage

Videostream: Yoel Gamzou mit seiner Fassung der zehnten Sinfonie

Kassel. Alles scheint am Ende, wenn die schweren Schläge auf die große Trommel fallen. Wie soll da noch Musik folgen? Mühsam versuchen zwei Kontrafagotte mit schleppenden tiefen Tönen einen Neuanfang. Und trotz erneuter Trommelschläge kommt die Musik langsam noch einmal in Gang.

Der Beginn des Finales von Gustav Mahlers zehnter Sinfonie gehört zu den aufwühlendsten Momenten der Orchestermusik. Und wenn fast eine halbe Stunde später die Sinfonie in einem reinen Fis-Dur-Klang der Streicher verklingt, dann sind die Zuhörer noch lange nicht fertig mit diesem Stück, dessen extreme Gefühlsausschläge in Mahlers Werk so kein zweites Mal zu finden sind.

Dass die Zehnte zum Auftakt der Gustav-Mahler-Festtage in der Kasseler Stadthalle überhaupt in dieser Form aufgeführt werden konnte, ist dem Dirigenten des Abends, dem Ersten Kapellmeister Yoel Gamzou (26), zu verdanken. Als Jugendlicher von 16 Jahren (!) begann er mit der Mammutaufgabe, aus den Skizzen des von Mahler unvollendet gelassenen Werks eine fertige Sinfonie zu erstellen. Seine 2010 vollendete Fassung führte er am Montag mit dem Staatsorchester erstmals in Kassel auf.

Nach einer Minute der Ergriffenheit feierte das Publikum in der restlos ausverkauften Stadthalle Gamzou und das Orchester minutenlang mit Standing Ovations. Dabei macht es Mahler den Zuhörern mit dieser Sinfonie wahrlich nicht leicht. Mitten in seiner schwersten Lebenskrise hatte der Komponist 1910 die Sinfonie konzipiert. Kommentare im Notenmanuskript wie der folgende zeigen seinen verzweifelten Zustand: „Der Teufel tanzt es mit mir. Wahnsinn! Fass mich an, Verfluchter! Vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin, dass ich aufhöre zu sein.“

Gamzou hat weit mehr als frühere Bearbeiter der Sinfonie die gegensätzlichen Welten herausgearbeitet - die Schärfen, etwa zu Beginn des vierten Satzes ebenso wie den (ersehnten) Zustand tiefen Friedens am Ende der Sinfonie.

Denn nicht nur die Momente von Verzweiflung sind von höchster Intensität, sondern auch die Glücksvisionen - etwa im Finale nach dem verstörenden Beginn, wenn eine Flötenmelodie in höchster Schönheit aufblüht (herausragend: Judith Hoffmann). Doch nichts ist von Bestand: Mit schrillen Tönen stört die Es-Klarinette wenig später den Wohlklang.

Selten herrscht an einem Konzertabend eine solche Spannung wie bei dieser Aufführung, die vom Orchester auch spielerisch höchst eindrucksvoll bewältigt wurde.

Für Yoel Gamzou ist Mahlers Zehnte eine Sinfonie des Abschieds von der Welt, die weit über das Persönliche hinausweist. Was mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung besonders fasziniert, ist ihre Modernität. Zwar hält Mahler an der Tonalität fest, doch seine Musik lässt die Konventionen der Zeit weit hinter sich.

„Schwere Kost“, meinte eine Zuhörerin nach dem Konzert. Sie verstand es nicht als Kritik, sondern sagte es bewundernd: Wann bekommt man schon einmal so tief berührende Musik derart eindringlich dargeboten?

Von Werner Fritsch

Rubriklistenbild: © Foto: Schachtschneider

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