Die CD „Obscurities“ - perfekter Einstieg in Stephin Merritts Werk

Fabelhafte Hymnen

Stephin Merritt

Von Stephin Merritt zu reden, heißt von seinem Lieblingsprojekt The Magnetic Fields zu sprechen - und von „69 Love Songs“. Von der Zeitschrift „Rolling Stone“ in die „Top 100 der 90er“ gelobt, schuf der sympathische Eigenbrötler und bekennende Abba-Fan mit dieser Dreier-CD-Box 1999 eine der zauberhaftesten Kammermusik-Lo-Fi-Electropop-Platten. Wie sich sein herzergreifend charismatischer Brumm-Bariton anhörte? Irritierend tieftraurig, doch auch voller Hoffnung. Verspielt und vieldeutig.

Fans hat der 1966 geborene, in Los Angeles lebende Multiinstrumentalist seither scharenweise. Obwohl der Mann mittelschweren Murks fabriziert hat: „Distortion“, das achte Magnetic-Fields-Album 2008, sollte klingen wie „Psychocandy“ 1985; wie jenes unter Indie-Fans legendäre Stück Musikgeschichte aus den Händen einer schlecht gelaunten Gruppe namens The Jesus And Mary Chain. Das tat es: Es piepte, dröhnte und klirrte, stärker noch als das Original.

Selbst die sammelwütigsten Liebhaber seines Gesamtwerks - Merritt ist Mastermind der Future Bible Heroes, The 6ths und The Gothic Archies - könnten nun fündig werden: Die CD „Obscurities“ versammelt 14 Stücke, von denen der Meister weiß, dass sie nur schwer zu bekommen sind. Oder nicht. Wer hat schon die frühen Magnetic-Fields-Singles? Oder superrare Kassetten-Aufnahmen? Von fünf unveröffentlichten Songs nicht zu schweigen.

Wundersam eigensinnig und zum Sterben schön: die Synthie-Wassertropfen-Ballade „The Song From Venus“ aus einem unveröffentlichten Science-Fiction-Musical Merritts. Sagenhaft schwelgerisch das beinahe nur mit Ukulele eingespielte Liebeszaubergedicht „Forever And a Day“. Oder, ach, der große kleine 60s-Pop-Shuffle-Hit „Yet Another Girl“. Fantasievoll arrangierte, interessant dröhnende oder charmant rumpelnde Pop-Miniaturhymnen mit ausgezeichnetem Mitsumm-Potenzial, wohin man hört.

Das Beste an „Obscurities“ ist, dass das Niveau von „69 Love Songs“ kaum je unterschritten wird. Insofern ist es weit mehr als ein Ausflug in ein Kuriositätenkabinett. „Obscurities“ ist nicht der schlechteste Einstieg in Merritts fabelhaftes Werk.

Stephin Merritt: „Obscurities“ (Domino), Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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