Faber im Kulturzelt Kassel

Faber im Kulturzelt Kassel: Die wohl ruppigste Stimme im Popkosmos

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Die ruppigste Stimme im deutschsprachigen Popkosmos: Faber, alias Julian Pollina.

Höchste Anerkennung verdient das, was Faber am Sonntagabend im Kasseler Kulturzelt auf die Bühne brachte.

Ein Faber-Konzert ist für jeden Kritiker ein Fest. Zwischen Bühnenbild, ultimativer Refrainzeile und bestechender Musikalität tummeln sich so viele intelligente Anspielungen und Querverweise auf fundamentale Lebensansprüche, dass man damit eine ganze Ausgabe füllen könnte. Und wer es dann noch schafft, polymorphe Beats und plakative Textpassagen einem nach Sinn und Bewegung dürstendem Publikum als knusprige Party-Delikatesse auf einem ausgeklügelt gestalteten Silbertablett zu servieren, der verdient höchste Anerkennung.

Faber, alias Julian Pollina, ist Schweizer mit italienischem Erbgut. Als Sohn des Liedermachers Pippo Pollina gehörte Musik seit jeher zu seinem Alltag und nach dem Besuch eines Musik-Gymnasiums tingelte er als Unterhaltungskünstler durch Kneipen und Restaurants. Die Begegnung mit Sängerin Sophie Hunger gab seiner Karriere den entscheidenden Kick. 

Mittlerweile füllt er große Hallen und bei seinem Auftritt am Sonntagabend im vollbesetzten Kulturzelt konnte man sich von seiner kreativen Entwicklung überzeugen. Fünf opulente Stehspiegel sorgten für ein barockes Standbild auf der Bühne. Es ist ein Privileg der Privilegierten, sich ausschließlich ihrem Spiegelbild zu widmen und alles andere dem leidigen Restprogramm der Existenz zuzuordnen. 

Diese Arroganz der Macht hat Faber des Öfteren im Visier. Er schiebt so manche bittersüße, oder eher bitterböse, Textzeile durch die Taktstriche und kann dabei auf ein exzellentes Gitarrenspiel und ein prägnantes Timbre zugreifen. Er ist vielleicht zur Zeit die ruppigste Stimme im deutschsprachigen Popkosmos. Kantig, rau und versoffen erinnert er eher an Tom Waits, als an die deutschen Oerding, Giesinger oder Henning May (AnnenMayKantereit).

Bei packenden Liebesballaden („Lass mich nicht los“), hoppelndem Ragtime („Nichts“) und Balkan-Coolness („Es könnte schöner sein“) zeigten auch die vier Musiker des Goran Kocy Vocalist Orkestar, wie man weltmusikalische Inspirationen in anspruchsvolle Arrangements übersetzt. Sie sind die Laborwände, zwischen denen der Wahnsinn tobt. Wo ein entfesselt agierender Faber seine Gedanken und Emotionen testet wie ein Chemiker auf der Suche nach einer Formel. Der spontan Musikwünsche des Publikums erfüllt, sich bei Latinorhythmen mit perfektem erotischem Handling seines Hemdes entledigt und sich die wilde Haarpracht sinnlich zerzaust, wie einst sein Label-Kollege Clemens Rehbein (Milky Chance).

Und dann geschah auch noch etwas Kurioses. Der Gitarrengurt riss und auf seine rhetorisch gestellte Frage, ob denn jemand vielleicht einen Kabelbinder parat hätte, wurde ihm tatsächlich einer gereicht. Nichts scheint bei Faber unmöglich und nach mehreren vehement eingeforderten Zugaben verließ ein begeistertes Publikum das Zeltlabor.

Kulturzelt Kassel: Dienstag Von Wegen Lisbeth, Mittwoch Jake Bugg, jeweils 19.30 Uhr. Restkarten an der Abendkasse.

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