Kinder beschäftigen sich mit Ausstellungen von Monica Bonvicini und Matias Faldbakken im Fridericianum

Die Facetten eines Müllsacks

Kostüme aus Müllsäcken: Joshua Stein (sitzend, von links) und Arda Tanyeri. Stehend von links: Akif Sönmezer, Adrian Hassenpflug, Semina Polat und Raphael Stein. Hinten: Sandra Ortmann (Kunstvermittlerin am Fridericianum), Habib Azizi (Praktikant), Sabine Stange vom Kulturamt, Petra Meyer und Carmela Stein vom Spielhaus Weidestraße. Foto: Dowe

Kassel. Ein Müllsack. Schnöder Gebrauchsgegenstand, der den Zweck erfüllt, Abfall transportfähig zu machen. Gemacht zum Wegwerfen. Oder etwa nicht? Einige Kinder des Spielhauses Weidestraße, eine Einrichtung der Kinder- und Jugendförderung, werden so einen Sack in Zukunft wohl mit anderen Augen sehen. Denn nicht nur, dass man daraus originelle Kostüme basteln kann – man kann ihn auch als Leinwand benutzen.

Genau das tut der norwegische Künstler Matias Faldbakken in seiner Ausstellung „That Death of which one does not die“, die zurzeit in der Kunsthalle Fridericianum zu sehen ist. Faldbakken spielt dort mit dem irritierenden Effekt der Zweckentfremdung, stellt ein vertrautes Objekt in einen anderen Kontext.

Mit seinem Werk und auch mit der zweiten Austellung im Fridericianum, „Both Ends“ der italienischen Künstlerin Monica Bonvicini, haben sich die Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren in einem mehrtägigen Workshop beschäftigt. Im Rahmen des Kasseler Modellprojekts „Abenteuer Museum“ soll so Kindern aus einkommensschwachen Familien der Zugang zur Kunst erleichtert werden.

„Viele dieser Kinder würden sonst vielleicht nie ins Museum gehen, weil ihre Eltern es auch nicht tun. Kulturelle Bildung scheitert oft am Geldbeutel“, sagt Sabine Stange vom Kulturamt Kassel, das zu den Trägern des Projekts gehört. „Die Kinder sollen vor allem Spaß an der Sache haben. Wir gehen spielerisch an das Thema heran und schaffen keinen Leistungsdruck wie in der Schule“, sagt Kunstvermittlerin Sandra Ortmann.

Die Kinder finden das klasse. Am Gespräch im Stuhlkreis beteiligen sich alle rege, wollen ihre Eindrücke loswerden. „Besonders toll fand ich die Kostüme“, sagt Semina Polat. „Und, dass wir jetzt in die Zeitung kommen!“ Sie hat schon einen Müllsack mit Symbolen gestaltet. Ganz sinnlich erfahren die Kinder die Beschaffenheit des Materials, spielen wie der Künstler mit Spiegeleffekten und Durchlässigkeiten.

Auch der Bonvicini-Ausstellung haben die jungen Workshop-Teilnehmer sich künstlerisch genähert. Wie Bonvicini seit 1997 Fragebögen an Bauarbeiter verteilte, um sie über ihre Haltung zu ihrem Beruf zu befragen, haben die Kinder zu Beginn des Workshops Fragebögen ausgefüllt. „Gehst du gern in die Schule?“ „Warum?“

Auch die sexuellen Darstellungen – etwa auf einer Plakatwand, die Bauarbeiter in homoerotischen Posen zeigt – werden offen thematisiert. „Die Kinder können jederzeit nachfragen. Allerdings spielt das Thema Sexualität noch keine so große Rolle“, sagt Ortmann.

Dieses Wochenende sind die Werke der Kinder im Fridericianum zu sehen: Sa/So, 11 bis 18 Uhr - für ihre Freunde und Familie ist der Eintritt frei.

Von Kristin Dowe

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