Figurenskizzen auf leerer Bühne: Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt Dea Lohers „Diebe“

Die Fahrstuhlmusik des Lebens

In Socken auf leerer Bühne: Gerd Zinck (Thomas, von links), Katharina Heyer (Monika), Meinolf Steiner (Herr Schmitt), Florian Eppinger (Josef), Marie-Isabel Walke (Linda), Paul Wenning (Erwin), Angelika Fornell (Ira) und Johanna Diekmeyer (Gabi). Foto:  Thomas Müller

Göttingen. Alle schleichen auf Socken durch ihr Leben. Kann man derart unbeschuht drauflosstürmen, tapfer für sich einstehen? Wohl kaum. Socken, das ist eher der Rückzug ins Private, in die Schluffigkeit. Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt Dea Lohers „Diebe“ in einem bewegungsreichen Zweistundenabend auf leerer Bühne. Für die erst zweite Inszenierung seit der Uraufführung im Januar 2010 in Berlin gab es viel Applaus.

In den Fußwärmern laufen die zwölf Darsteller unentwegt hin und her, vor und zurück, treten an die Rampe, um ihren Text zu sprechen, verschwinden wieder, um ein Glas Wasser zu holen, ein Spielzeugauto. Dazu öffnet und schließt sich der Vorhang minütlich, und das Saallicht bleibt angeschaltet (Ausstattung: Lea Dietrich).

Der junge Regisseur Felix Rothenhäusler macht es auch den Zuschauern nicht gerade angenehm. Das permanente Klackern des Vorhangs nervt, die Rastlosigkeit der Choreografie überträgt sich.

Dea Loher wendet in „Diebe“ (nicht ihr stärkstes Stück) wieder ihr Erzählprinzip an, nur skizzierte Figuren zu präsentieren, die in künstlicher Sprache sprechen. Zwölf Menschen werden in Miniszenen ohne kontinuierliche Handlung vorgestellt: die Supermarktleiterin Monika, der überraschend gekündigt wird (Katharina Heyer), der Polizist Thomas (Gerd Zinck), Linda, die Angestellte einer Therme, die am Waldrand einen Wolf sieht (Marie-Isabel Walke). Die Eheleute Schmitt (Meinolf Steiner und Gaby Dey) werden aus dem Garten von dem fremden Josef beobachtet, der sich einfach bei ihnen einquartiert (Florian Eppinger).

Das Mädchen Mira (Paula Hans) ist schwanger, Altenheimbewohner Erwin (Paul Wenning) hat von den Flurgenossen die Nase voll. Die Boutiqueverkäuferin Gabi besichtigt eine Wohnung (Johanna Diekmeyer), der gewalttätige Rainer (Gerrit Neuhaus) hasst die Natur, Ira wartet 43 Jahre im Hotelzimmer auf ihren Mann (Angelika Fornell).

Loher zeigt Menschen, die im Laufe des Abends ihre Hoffnung verlieren, die sich in ihrem eigenen Leben fühlen wie die titelgebenden Diebe, „als ob sie kein Recht hätten, sich darin aufzuhalten“, wie Ira sagt. Aus der Traurigkeit entstehen aber auch komische Momente.

Der Regisseur dreht die Vorlage konsequent noch weiter ins Abstrakte und betont die Antriebsschwäche der Figuren, deren sockiges Herumlaufen kein Ziel hat. Er lässt auch die Gefühle künstlich werden: Musiker Matthias Krieg sitzt an der Seite und spielt auf Zuruf der Darsteller kurze Musikclips ab, die Emotionen heraufbeschwören sollen: „Spannung“ „Wald“, „Gitarre“. Die Normalmusik zu den Szenenwechseln klingt hingegen wie hirnerweichendes Fahrstuhlgedudel. Ein schöner Regieeinfall.

In vielen Momenten des Abends ist der Slapstick gelungen, gibt es Gelächter im Publikum. Trotzdem hätte die Inszenierung mehr Zuspitzung vertragen. Unausgegoren sind etwa die Szenen mit dem lebensmüden Finn, der seine Habseligkeiten ordnet und aus dem Fenster springt. Nikolaus Kühn hüpft in beuliger Opa-Unterhose herum und vollführt alle von ihm selbst gesprochenen Regieanweisungen in übertrieben-dramatischer Pose. Beispiel: „Er nahm sein Portemonnaie und kippte den Inhalt auf den Tisch.“ Bei Finn wird dem billigen Gag das Abgründige geopfert.

Wieder am 28.10., 3., 9., 16.11., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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