Guntram Vesper las in der Buchhandlung Vietor

Die Fakten mit Fantasie auffüllen

Guntram Vesper Foto: von Busse

Kassel. Guntram Vesper verglich sich am Dienstag bei seiner Lesung in der vollen Hofbuchhandlung Vietor mit einem Reeder, „der ein Schiff ausschickt in den Indischen Ozean, das Anerkennung mitbringen soll“, das aber auch untergehen könne im Meer der Neuerscheinungen, „in einem Strudel versinken“.

Der gerade 75 Jahre alt gewordene, erfahrene Göttinger Autor hatte lange gezögert, ob er seinen Roman „Frohburg“ überhaupt vom Stapel lassen sollte. Sechs, sieben Jahre habe er daran geschrieben und ursprünglich gar nicht an eine Veröffentlichung gedacht: „Dann bin ich freier.“ Bis Verleger Klaus Schöffling das Manuskript bekam – die 2 400 000 Anschläge hatte Vesper lediglich „im Speicher“ und auf einem USB-Stick, aber nie ausgedruckt, „darüber wäre ja der Drucker zugrunde gegangen“.

Schöffling druckte doch, kaufte eigens einen Trolley, nahm den Papierstapel mit in den Urlaub – und war begeistert. Und so die Rezensenten. „Frohburg“, dieses 1008 Seiten starke, in Vespers sächsischer gleichnamiger Geburtsstadt angesiedelte, monumentale Ost-West-Geschichtspanorama bekam den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse. „Ich lese keine Kritiken“, sagt Vesper, „aber ich kann mich nicht beklagen.“ Das ist feines Understatement. „Frohburg“ hat den Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit auf den 75-Jährigen gerichtet.

Bei seiner Kasseler Lesung, eine von zahlreichen Auftritten zurzeit („jede anders, alle schön“) machte er sein faszinierendes Verfahren deutlich, Epochen assoziativ, sprunghaft und durch scharfe Schnitte zu vernetzen, Geschichte durch das Erzählen von Geschichten und Erinnerungen zu vergegenwärtigen. Für die Besucher, viele seiner Generation angehörend, gab es einiges zu schmunzeln, als Vesper etwa seinen Freund und Kollegen Walter Kempowski karikierte.

Vesper stieg jedoch mit einer grausamen Episode ein: der detaillierten Schilderung einer öffentlichen Erschießung im Juli 1945. Die Rote Armee exekutierte sieben Männer nach Übergriffen auf sowjetische Soldaten. Er las dann, etwas monoton und anfangs durch Krakeeler draußen beeinträchtigt, von seiner Internatszeit in den 50ern nach der Übersiedlung aus der DDR, über seine Freude an einem Kofferplattenspieler von Quelle (eine „Zauberkiste“) und den Rilke-Rezitationen Will Quadfliegs. Es folgte der erste Gang durchs Haus des gestorbenen Bruders 2012, als er eben diesen Plattenspieler wiederentdeckt: „So gelangt man von 1945/46 über die 50er in die Gegenwart. Eine erzählerische Schleife.“

Eine „Erweiterung des Faktischen“ nannte Vesper sein Prinzip, über die Tatsachen hinaus die Fantasie spielen zu lassen. Das mache so viel Spaß, er konnte nachts mit dem Schreiben oft „kaum aufhören“.

Von Mark-Christian von Busse

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