Tom Jones’ Album „Praise and Blame“

Mit Falten und Furchen

Grau wie ein Großvater: Tom Jones vollzieht zurzeit einen ebenso optischen wie musikalischen Sinneswandel. Foto: Universal

Eine bezeichnende Episode: Vor Kurzem spielte Tom Jones spontan auf dem Latitude-Festival im englischen Suffolk - am Vorabend vor der offizieller Eröffnung. Die Besucher waren irritiert.

Denn obwohl lautstark eingefordert: Der „Tiger“ verzichtete darauf, mit Hits wie „Sex Bomb“ oder „It’s Not Unusual“ Party-Stimmung zu verbreiten. Und stellte ausschließlich die Songs seines neuen, intimen Gospel-und-Blues-Albums „Praise and Blame“ vor. Nachdem sich die Verwirrung gelegt hatte, gab’s mehr als wohlwollenden Applaus für den 70-jährigen Waliser. Mit Recht.

Schon auf seinem Album „24 Hours“ deutete sich ein Sinneswandel an. In klassische 60er-Jahre-Arrangements gewandet, standen Jones die teilweise von ihm mitkomponierten Soul- und Funk-Songs richtig gut zu Gesicht. Bemerkenswert waren die musikalischen Falten und Furchen. Auf „Praise and Blame“ zeigen sich die Anzeichen des Alters noch deutlicher - und das nicht nur, weil sich der Sänger nicht mehr die Haare färbt.

Großväterlich grau geworden, liegt der Vergleich - einmal mehr - nahe: Jones versucht Ähnliches wie einst Johnny Cash mit seinen „American Recordings“. Mit „Ain’t No Grave“ interpretiert der „Tiger“ sogar den Titelsong des posthum veröffentlichten letzten Teils dieser Albumreihe. Mit Produzent Ethan Johns (Kings Of Leon, Ryan Adams, Rufus Wainwright) wagt er sich an urwüchsige Interpretationen von spirituell-traditionellem Songmaterial - voller Kraft und Lebensfreude.

Auch wenn Jones den Song-reigen klagend mit dem Chain-Gang-artigen Blues „What Good Am I?“ (Bob Dylan) beginnt, beim extrem rohen „Burning Hell“ (John Lee Hooker) röhrt Jones wie ein angezählter, wütender Boxer. Um mit der Lässigkeit des Las-Vegas-Entertainers den Gospel „Strange Things“ (Sister Rosetta Tharpe) in einen Piano-Boogie-Rock zu verwandeln. Unaufgeregt, mit leicht gepresster Stimme das Spiritual „Nobody’s Fault But Mine“. Doch Cashs beseelte Brüchigkeit in der Stimme, die Ahnung der Ausweglosigkeit angesichts des Endes, entwickelt Jones (noch) nicht. (tx)

Tom Jones: „Praise and Blame“ (Island/Universal), Wertung: !!!!:

Von Stefan Weber

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