Mark Zurmühle inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen nach Henrik Ibsen

Familie, Lügen und Video - die „Wildente 2.0“

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Besuch auf Miniaturstühlen am Miniaturtisch: Alois Reinhardt (links) als Gregers Werle mit Wojo van Brouwer als Hjalmar Ekdal und Andrea Strube als dessen Frau Gina vor einer Videoprojektion.

Göttingen. Der Ehestreit wird über Monitore geführt. Mann und Frau giften in separate Kameras, wir sehen ihre Gesichter auf zwei Bildschirmen. Ist das noch eine wirkliche Auseinandersetzung?

Zum Sterben legt sich Tochter Hedwig später fotogerecht auf den Boden, die Kamera steckt im Lauf ihrer Pistole, mehrere Monitore zeigen ihr zum Tod bereites Gesicht. Als sie abdrückt, friert das Bild ein. Bildermachen, das ist heute wie Abschießen.

Wie war's?

Schöne Bilder. Ein ästhetisch wie konzeptionell überzeugender Abend.

Videokunst prägt Mark Zurmühles viel beklatschte Inszenierung von „Wildente 2.0“ nach Henrik Ibsen (mit dem Originaltext), mit der das Deutsche Theater in Göttingen am Samstag seine Spielzeit eröffnete. Julian Hetzel und Timm Burkhardt haben die Videosequenzen vorbereitet. Die Schauspieler filmen sich selbst oder gegenseitig, Leinwand- und Monitorkästen schweben von der Decke herab und vervielfältigen das Bühnengeschehen, verzerren, vergrößern es. Wer das Bild wählt, hat Deutungsmacht.

Zurmühle wendet sich hier der Veränderung unserer Welt per Internet zu, nimmt Ibsens Drama um die Lebenslüge der Familie Ekdal als Vorlage, um herauszuarbeiten, wie unsere Selbsttäuschungen heute aussehen - wie wir Wirklichkeiten (sprich: Bilder) fürs Web und über diesen Umweg dann auch für unsere eigenen Köpfe erzeugen.

Eleonore Bircher hat die Möbel von Hjalmar und Gina Ekdal auf Kindergartengröße verkleinert. Stühlchen und Tischchen suggerieren, dass hier das Leben nur ausprobiert wird: Komm, wir spielen Vater-Mutter-Kind.

Hintergrund:

Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen (1828-1906) schrieb „Die Wildente“ 1884. Das Leben der Familie Ekdal ist auf einer Lüge aufgebaut. Die 14-jährige Hedwig (deren liebstes Haustier: eine Wildente) stammt nicht vom Familienoberhaupt Hjalmar, sondern aus einem früheren Verhältnis der Ehefrau Gina mit Direktor Werle. Der finanziert das Leben der Ekdals, was Hjalmar nicht realisiert. Werles Sohn Gregers sagt der Familie im idealistischen Überschwang die Wahrheit, Hedwig nimmt sich das Leben.

Hedwig (die, wie Hjalmar im Stück erfährt, gar nicht seine eigene Tochter ist) bastelt eine live abgefilmte Spielzeuglandschaft mit See, Bäumen und Playmobilmännchen - auch dies eine verkleinerte Welt, auch hier ein So-tun-als-ob. Doch als sie es mit dem Puderzuckersieb darauf schneien lässt, fällt plötzlich auch auf die große Bühnenwelt Schnee. Solche Vexierbilder und Verstärkungen sind wundervoll komponiert, ergeben ein ästhetisch überzeugendes und gedanklich stringent durchgearbeitetes Konzept.

Wojo van Brouwer steht im Mittelpunkt des Abends als Familienvater Hjalmar Ekdal, dem er im Strickpulli (Kostüme: Ilka Kops) eine weichliche Drückebergerhaltung verleiht. Ein Teddybär von Mann, der nicht mal das Rückgrat für einen ordentlichen Abgang hat.

Gegenspieler ist Gregers Werle, der Hjalmar die Wahrheit über seine Tochter sagt. Alois Reinhardt gibt ihm mit Flitzebogenspannung und flächendeckend verteilten Umarmungen den beseelten Furor eines Gutmenschen-Fanatikers. Andrea Strube zeigt Hjalmars Frau Gina als resignierte Lenkerin im Hintergrund, die hinter Hjalmars Rücken verächtlich die Lippen verzieht.

Hedwig ist bei Eve Kolb ein ungestümes Naturkind mit eckigen Bewegungen und struppigem Haar. Paul Wenning und Gerd Peiser spielen die beiden alten Väter Werle und Ekdal, Paul Enke und Dominik Bliefert die Nachbarn Relling und Molvik, Marie-Isabel Walke ist Hausdame Sörby.

Wieder am 24., 28.9., Kartentel.: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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