Moritz Rinke las im Schauspielhaus

Familie aus dem Moor

Machte die Lesung zur Bühnenshow: Moritz Rinke. Foto:  Malmus

KASSEL. 32 Tore in dreißig Spielen. Dieser Mann sollte nach Südafrika fliegen. Stattdessen sitzt der Superstürmer der Autorenmeisterschaften im Schauspielfoyer und liest aus seinem Romandebüt. Denn Moritz Rinke kann nicht nur spielen, sondern auch kicken, kann nicht nur Bühnenstücke schreiben sondern auch Bücher.

Schon der Titel „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ verheißt eine spannende Mixtur aus Unterhaltung und reflexiver Rückwärtsgewandtheit. Familiengeschichte im besten Sinne. Rinke, in Worpswede geboren, lässt bei seiner Lesung die Landschaft, die norddeutschen Typen und vor allem den Mythos des Künstlerdorfes auferstehen.

Komisch, ironisch und hochgrotesk entwickelt der Bühnenautor in seinem Romanerstling mit viel Liebe zum Detail die Besonderheiten und Skurrilitäten einer Familie aus dem Moor: Erzählt von einer Hippie-Mutter, die kein Mittagessen kocht, von einem Vater, der die Hasenmenschen zum Kunstobjekt macht, erinnert an einen Großvater, der die Großen dieser Welt in Skulpturen gießt, und an einen debilen Verwandten, der im Bordell Kamillentee trinkt.

So viele Geschichten, so viele Gesetze und Rituale hat eine Familie. Ein ganzer Mikrokosmos. Wenn Moritz Rinke liest, ist das ein kleines Kammerschauspiel, lebhaft, witzig. Rinke gelingt zugleich wehmütiger Rückblick sowie humorvolle Kritik an einem urdeutschen Erbe, dem Teufelsmoor der Eitelkeiten.

Moritz Rinke: „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten, 19,95 Euro.

Von Juliane Sattler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.