Eine Familie in der Möbelbranche

Mauschelei und Betrug: "Familiengeschäfte" in den scheußlichen 80ern

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Macht sich auch mal zum Affen: Nikolaus Kühne als Familienoberhaupt Jack McCracken (Mitte) mit Lutz Gebhardt (Ken, von links), Gaby Dey (Yvonne), Ronny Thalmeyer (Desmond), Andrea Strube (Harriet), Dorothée Neff (Tina), Roman Majewski (Cliff), Frederike Schinzler (Anita) und Rebecca Klingenberg (Poppy). 

Göttingen. Am Deutschen Theater in Göttingen inszeniert Erich Sidler Alan Ayckbourns Komödie „Familiengeschäfte". Kostüme und Perücken tragen erheblich zum Vergnügen bei.

Schon dieser leberwurstfarbige Zweireiher. Diese Glanzbluse im Rettungsfolien-Look. Diese Vornkurz-hintenmegalang-Frisuren: entsetzlich-schön. Kostüme und Perücken tragen bei Alan Ayckbourns Komödie „Familiengeschäfte“ am DT in Göttingen wesentlich zum Theatervergnügen bei. Das Publikum in der ausverkauften Premiere am Samstag applaudierte dem großen Ensemble herzlich.

Intendant Erich Sidler siedelt das Stück des britischen Erfolgsdramatikers optisch in der Entstehungszeit 1987 an, in der modisch wohl scheußlichsten Ära der letzten Jahrzehnte. Zu der ästhetischen Herausforderung der Kostümauswahl von Bettina Latscha gesellen sich akustisch fiese Klangzitate im Billig-Synthesizer-Sound jener Jahre (Jan-S. Beyer). Hübsch-bescheuerte Tanzeinlagen des Ensembles (Valentí Rocamora i Torà) unterbrechen die Szenen der auf zwei Ebenen eingerichteten Bühne mit vier Wohnungsräumen von Friedel Vomweg und Johannes Frei.

Ayckbourn erzählt in seiner Farce von einer Familie in der Möbelbranche. Jack McCracken (mit herrlich peinlicher Eröffnungsszene in Unterhosen: Nikolaus Kühn) wechselt aus dem Fischstäbchen-Business an die Spitze des schwiegerväterlichen Betriebs und wird prompt hineingezogen in Mauschelei, Betrug und Bestechung. Auch wenn er sich sträubt und sein Wehret-den-Anfängen-Postulat über die Würdigung jeder Büroklammer durchaus glaubhaft ist, muss er sich der Erkenntnis beugen: Keiner ist ehrlich, jeder ist nur auf seinen Vorteil bedacht, auch wenn das Ausplündern der Firma zugunsten der persönlichen Raffsucht den Betrieb so schwächt, dass man riskiert, bald gar nichts mehr zu haben.

Wie das Anspruchsdenken ins Unermessliche steigt, und wie die äußerst flexible Moral nicht nur in der großen Abzocke, sondern auch im Kleinen sichtbar wird, ist toll geschrieben und hier punktgenau und witzig inszeniert. Es gibt klassische Tür-auf-Tür-zu-Szenen, es gibt einen Liebhaber, der sich im Kleiderschrank versteckt, wenn der Ehemann heimkommt. Zwar ist die zweite Hälfte des 160-Minüters etwas länglich geraten, insgesamt ist der Turbulenz-Faktor aber angenehm hoch. Dafür sorgen unter anderem Bardo Böhlefeld als gleich fünf verschiedene italienische Geschäftsmänner und Lover sowie Florian Donath als leicht dämlich umherstolpernder Roy mit der wohl krassesten Vokuhila-Matte aller Zeiten.

Zudem gelingt an vielen Stellen, was jede gute Komödie ausmacht: Die Tragik der Figuren scheint immer wieder durch. Vor allem bei der famosen Rebecca Klingenberg. Sie steckt ihre Chefgattin Poppy in eine verklemmte Daueranspannung und macht die seelische Achterbahnfahrt einer Frau spürbar, die plötzlich realisiert, dass sie womöglich immer zu brav gewesen ist.

Lutz Gebhardt, Dorothée Neff, Christina Jung, Roman Majewski, Frederike Schinzler, Ronny Thalmeyer, Gaby Dey und Moritz Schulze sind in weiteren Rollen zu sehen. Und ganz groß Andrea Strube als Harriet im plüschigen Hausanzug. Die untergründige Einsamkeit dieser Hausfrau, die ihr Hündchen vergöttert, wie ein Junkie auf Gesprächsgelegenheiten wartet und sich in ihre Aerobic-Übungen stürzt, bringt echte Beklemmung in das überdrehte Drumherum.

Wieder 14.11., 2.12., Tel.: 0551-496911

Mehr Informationen unter dt-goettingen.de

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