Zwei Stunden lang wird in „Tyrannis“ am Kasseler Staatstheater blind gespielt

Familienleben als Geisterbahn

Mit aufgeklebten Augen: Philipp Reinhardt (Tochter, von links), Kate Strong (Mutter), Eva-Maria Keller (Tante), Enrique Keil (Vater), vorn von hinten zu sehen: Jonas Grundner-Culemann (Sohn). Foto: Klinger

Kassel. Das Augenweiß leuchtet grell wie früher bei den billigen Barbiepuppen. Es ist aufgeklebt. Auf den geschlossenen Lidern der Schauspieler pappen starre, aufgerissene Augen. Riesig glotzen sie – und sehen doch nichts.

Zuallererst bewundert man im Theaterabend „Tyrannis“, den Regisseur Ersan Mondtag (auch Bühne und Kostüme) am Kasseler Staatstheater entwickelt hat, die technische und choreografische Leistung. Zwei Stunden lang gehen die Schauspieler auf der Studiobühne im tif umher, gießen sich ein Glas Wein ein, spielen Klavier, ziehen sich an, hacken Gemüse – sehen aber nichts. Darin steckt immens viel Präzisionsarbeit. Die ausverkaufte Premiere am Donnerstag bekam viel Applaus.

Die Bühne ist ausgefüllt von einem im 60er/70er-Jahre-Schick eingerichteten Wohn- und Esszimmer, einer Küche mit funktionsfähigem Herd und Dunstabzugshaube, einer Kammer, einem Bad. Auf drei Bildschirme werden Videos (Jonas Grundner-Culemann) projiziert, die Blicke in ein Obergeschoss freigeben, in Schlafzimmer, die mit Nierentischchen und Schaukelstühlen gefüllt sind.

Gesprochen wird: nichts. Zu sehen ist: Alltag – Aufwachen, Zähneputzen, Kochen, der Weihnachtsbaum wird geschmückt, abends raucht Vater noch ein Zigarettchen. Zu hören ist: eine detailreiche Klangkulisse aus Geräuschen und Musik von Max Adrzejewski. Vor allem wenn die Lichtstimmung sich in Richtung Nacht wandelt, wird das Geraune und Gewimmere bedrohlich, oft ist nicht zu entscheiden, ob ein Schrei tierischen oder womöglich menschlichen Ursprungs ist. Manchmal scheinen dazu auch noch Schatten über den Schlafenden zu schweben.

Wenn dann der Vater morgens mit der Axt aus dem Wald kommt, kann sich Geisterbahngrusel einstellen. Ein wirklicher Horror entsteht jedoch nicht. Das wäre super gewesen. Doch dazu werden die dramatischen Stellschräubchen des Abends zu wenig festgedreht – selbst der Einbruch des Fremden in die Abgeschirmtheit der Familie und sogar Todesfälle lösen zu wenig Erschütterung aus.

Im Programmblatt werden die Themen Selbstbezogenheit der Facebook-Welt, Rassismus und Fremdenangst aufgefächert – ob man den Bogen zu diesen aktuellen gesellschaftlichen Schmerzpunkten aber rein vom Bühnengeschehen her schlagen kann, sei dahingestellt.

Kate Strong, die über Jahre bei Starchoreograf William Forsythe getanzt hat, ist die herausragende Darstellerin mit ihrer tänzerischen Ausgestaltung der Mutterfigur, mit ihrem detailreichen Bewegungsrepertoire aus der Stummfilm-Stilistik und mit ihrem großartigen Betrunkenheits-Slapstick nach einigen Schnäpsen.

Auch Eva-Maria Keller (Tante), Enrique Keil (Vater), Philipp Reinhardt (in einem monströsen Schaumstoffkörper als Tochter), Jonas Grundner-Culemann (Sohn) und Sabrina Ceesay (Besucherin) überzeugen mit einer stimmigen Ensembleleistung.

Schön, dass das Staatstheater so eine installative Theaterarbeit ermöglicht. Und wenn die Darsteller am Ende die Kunstaugen hochklappen und vieräugig ins Publikum schauen, schwappen noch mal kurz Irritationen hoch.

Wieder am 17., 30.12., Kartentelefon: 0561-1094-222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.