Familientreff am Bügelbrett: Komödie "Hase Hase" hatte Premiere

+
Am Küchentisch: Sigrun Schneggenburger (Mama Hase) und Björn Bonn (Hase Hase).

Kassel. Patrick Schlösser inszeniert Coline Serreaus „Hase Hase“ mit viel Herz, bei der Premiere am Samstag gab es immer wieder Szenenapplaus.

Zu Hause sein heißt, den Schlüssel beim Eintreten in die Wohnung ans Schlüsselbrett hängen. Heimlich noch kurz vor dem Abendessen Schokolade aus dem Küchenschrank stibitzen. Den Wischlappen unter der Spüle ans Rohr klemmen. Eine wundervolle Ausstattung hat Etienne Pluss für die Sommerkomödie des Kasseler Staatstheaters auf die Bühne des Schauspielhauses gebaut.

Er zeigt eine kleinbürgerliche Wohnung, detailgenau mit Saughaken und Häkeltopflappen – und so eng, dass allein aus dem familiären Gewusel zwischen Klotür und zum Tisch umfunktionierten Bügelbrett viel Komik entsteht.

Patrick Schlösser inszeniert Coline Serreaus „Hase Hase“ mit viel Herz, bei der Premiere am Samstag gab es immer wieder Szenenapplaus. Serreau beschäftigt sich mit dem Rückzug ins Private als Reaktion auf den wirtschaftlichen Niedergang. So verliert bei Familie Hase erst Papa Hase (Uwe Steinbruch in ergreifender Melancholie) den Job, dann scheitern die Lebensentwürfe der Kinder – und somit die Aufstiegsträume der Eltern. Nach und nach kommt die ganze Bande zurück ins Heim von Mama Hase. Sigrun Schneggenburger wechselt mit umwölkter Stirn zwischen Schicksals-Trotz und unendlichem Genervtsein. Mama schmiert Stullen und leiht Matratzen bei Nachbarin Duperri (Eva-Maria Keller in einem ihrer umwerfend schrägen Figurenporträts).

Man rückt zusammen, und aus dem Fernseher verkündet der Ministerpräsident (Thomas Sprekelsen, der sich in alerter Schmierigkeit aus dem Flimmerkasten herauslehnt), dass doch alles gut sei.

Mamas Liebling ist der kleine Hase Hase, der als einziger das frische Brot essen darf, während die anderen erst das alte aufbrauchen müssen. Björn Bonn im zu kurzen Pullunder zelebriert das Grimassieren mit den falschen Hasenzähnchen (Kostüme: Wiebke Meier) und erschafft eine liebenswerte Tollpatschigkeit, die ihre Überzeichnung stets bewusst kalkuliert. Das passt zur Story, denn es stellt sich heraus, dass Hase Hase ein Außerirdischer ist, der in geheimer Mission in die Menschenfamilie eingeschleust wurde.

In weiteren Rollen spielen Bernd Hölscher, Christina Weiser, Christoph Förster, Anna-Maria Hirsch, Dieter Bach, Aljoscha Langel und Matthias Fuchs.

Es gibt überraschende Wendungen, viele Textpassagen sind durchaus lebensweise. Doch die ganze Mama-Papa-Seligkeit ist etwas zu viel. Die Grund-Betulichkeit ist liebenswert, trotzdem gerät dadurch das Tempo immer wieder ins Stocken. Szenische Straffungen hätten beiden Teilen des Abends gutgetan.

Während die Aliens zum letzten Gefecht blasen, gibt es im Land einen Umsturz, es wird ein Militärregime errichtet - und auf die Familie kommen plötzlich ganz andere Herausforderungen zu. Schließlich mündet alles in einen flammenden, aber auch arg naiven Appell von Mama Hase ans Publikum. Das Private muss politisch werden und ist doch der einzige Halt. Genau wie bei Mama, die mal Familiengeneral ist, mal aber auch von Streuselkuchen träumt.       

Von Bettina Fraschke

Service

Wieder am 18., 24.5., Karten: 0561 / 1094-222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.