Die famose Band Bilderbuch beim Musikschutzgebiet-Festival: „Wir wollen mehr Sexyness“

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Das schönste Lob hat Maurice Ernst von seinen Nichten und Neffen bekommen. Kinder, sagt der Sänger der österreichischen Band Bilderbuch, fahren total auf seine Songs „Plansch“ und „Maschin“ ab. Im vorigen Jahr veröffentlichte das Quartett aus Wien ein Mini-Album (EP) mit nur vier Songs.

Die sind mit ihrem Mix aus funky Gitarren, elektronischen Beats und Ernsts per Autotune-Software verfremdeter Stimme so einzigartig, dass nicht nur Kinder Bilderbuch cool finden. Manchen Kritikern fehlten die Worte, sie schrieben: „Die Musik ist geil, weil sie geil ist.“ Am kommenden Samstag gastieren Bilderbuch beim Musikschutzgebiet bei Homberg. Wir sprachen mit Ernst (25).

Sie sind schuld daran, dass demnächst bald keine Alben mehr aufgenommen werden. 

Maurice Ernst: Wieso?

Eine Nachwuchsband sagte uns, dass sie kein Album nötig hätten. Bilderbuch hätten bewiesen, dass man auch mit Singles bekannt werden kann.

Ernst: Das stimmt, aber eigentlich ist das Medium egal. Es geht darum, seine Musik auf eine spannende Art und Weise zu veröffentlichen - ob als Album, EP oder Single. Ich war es leid, dass der Aufwand bei einem Album in keinerlei Verhältnis zu dem steht, was am Ende rauskommt. Deshalb war es nur logisch, dass wir die eigene Kunst nach zwei aufwendigen Alben ein bisschen prägnanter präsentieren.

Dabei steckte Ihre Band davor in einer Krise. 

Ernst: Für uns war es eine schwierige Phase, weil unser Schlagzeuger ausgestiegen ist. Man wird älter und fragt sich, ob man das Studium weitermacht oder doch Rock ’n’ Roller bleibt und versucht, das Leben auf die Schaufel zu nehmen. Wir anderen wollten weitermachen. Aber ein ganzes Album hätte uns erstickt. Deshalb haben wir einfach nur vier Tracks rausgehauen.

Das Echo war gigantisch. In Österreich galten Bilderbuch als Band der Stunde. Und hierzulande schrieben Kritiker, Sie seien „der beste deutschsprachiger Sänger“. Wie geht man mit so viel Euphorie um? 

Ernst: Einerseits freut man sich, weil die Menschen checken, dass in unserer Musik viel Liebe steckt. Andererseits steigt der Druck. Aber was soll’s: Untergehen mit Pauken und Posaunen ist immer noch besser als nie aufzusteigen.

Die Musik klingt nach Progressive Rock, Elektronik, Punk, HipHop und auch R ’n’ B. Was ist das eigentlich für ein Genre? 

Ernst: Das ist schwierig. Auf jeden Fall sind wir nicht retro. Unsere Musik ist eine moderne Art, Türen aufzustoßen. Letztlich ist mir das Genre wurscht. Wir sind wir.

Sie haben gesagt, es gebe zu wenig Sex in der deutschsprachigen Musik. Wie bitte? 

Ernst: Ich habe nicht den Sex gemeint, also die plumpe Art und Weise sowie die Perversion von irgendwas. Wir wollen aber mehr Sexyness. Ich vermisse die verschmitzte Spielerei und den Soul. Denn Soul ist für mich ein Synonym für Sexyness. Die war zuletzt in der Musik gar nicht vorhanden. Und wenn sie vorhanden war, war sie peinlich. Das versuchen wir zu ändern.

Deshalb singen Sie Zeilen wie: „Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz ist so lang wie ein Aal.“ Klingt, als würden Sie sich lustig machen über den intellektuell verschwurbelten Diskursrock von Bands wie Tocotronic. 

Ernst: Genau. Immer gibt es nur dieses broternste Ding. Und wenn es witzig ist, dann ist es so witzig, dass es schon wieder lächerlich anmutet. Jeder verdient seinen Respekt, die Diskursrocker wie der MC Fitti mit seinem Schmäh. Aber das ist nicht das, was wir machen wollten. Wir wollten wieder ein bisschen Freshness in die deutsche Sprache bringen.

Ihre Texte sind voll von Metaphern und Metaebenen. Wovon handelt „Plansch“, zu dem es ein herrliches Video mit planschenden Kindern gibt? 

Ernst: Am Anfang ging es uns um die Ästhetik des Wortes. Dann findet man neue Bedeutungen: Im Englischen heißt „plunge“ ja „Sturz“. Deshalb könnte man den Song auf die Wirtschaftskrise münzen. Man kann die Nummer aber auch völlig bedeutungsfrei hören und ein gutes Gefühl einfangen. Da bin ich schon ein bisschen stolz drauf.

Das Festival Musikschutzgebiet

Zehn Jahre ist es her, dass der damalige Student Hubertus Nägel zum ersten Mal ein Musikfestival auf dem Hof seiner Eltern im Homberger Stadtteil Hombergshausen organisierte. 200 Leute kamen. Vom 20. bis 22. Juni findet das idyllisch gelegene Musikschutzgebiet zum zehnten Mal statt. Nun werden bis zu 2500 Musikfans im Schwalm-Eder-Kreis erwartet.

Das von einem Verein veranstaltete Festival ist eine Erfolgsgeschichte, weil es alle Genres jenseits des Mainstreams bedient. Neben der Wiener Band Bilderbuch sind heuer weitere hochkarätige Acts dabei, etwa: Sizzar (Indierock), der Berliner Rapper Chefket, die dänische Rock-Band Go Go Berlin, der Singer-Songwriter Tom Klose und lokale Künstler wie Dark Vatter und Pimf. Zudem gibt es einen Skateboard-Wettbewerb, Lesungen und einen Poetry-Slam.

Alle Künstler und Tickets: www.musikschutzgebiet.de

Video: Plansch

Video: Maschin

Von Matthias Lohr

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