Famose Polit-Satire: Joachim Zelter liest aus „Der Ministerpräsident“

War für Buchpreis nominiert: Autor Joachim Zelter. Foto: nh

Kassel. Viel wurde im Zuge der Guttenberg-Affäre über die (mediale) Inszenierung von Politikern geschrieben: Der Politiker als Produkt der Werbung als Projektionsfläche für was auch immer. Das lenkt den Blick auf den famosen Roman „Der Ministerpräsident“ des Tübinger Schriftstellers Joachim Zelter (48), der im vergangenen Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Zelter stellt ihn am Donnerstag im Literaturbüro Nordhessen vor.

Im Mittelpunkt steht der schwäbische Ministerpräsident Claus Urspring, der nach einem Verkehrsunfall schwere Hirnschäden erleidet und nach dem Aufwachen aus dem Koma alles neu erlernen muss: Sprache, Erinnerung, Motorik. Urspring bewegt sich wie ein tapsiges Kind und stellt Fragen von entwaffnender Naivität. Dummerweise ist Wahlkampf und ein neuer Kandidat nicht in Sicht. Also soll Urspring, der nicht versteht, was um ihn herum vorgeht, wieder fit gemacht werden. Inhalte, Programme, Ziele spielen keine Rolle, wobei deutlich wird: Das alles zählte noch nie, sondern immer nur die Erhaltung von Macht und Apparat.

Auf die Frage, ob Politiker heute nicht mehr authentisch genug seien, antwortet Zelter: „Politik ist in erster Linie gesinnungsethische Fehlervermeidung. Die realen Entscheidungs- und Handlungsspielräume sind ohnehin eher gering. Politik ist heute oft nur noch Ästhetik, Äußerlichkeit, Zeremonie, Ritual, Rhetorik, Gesinnungsethik.“ Zelter lässt Urspring selbst erzählen, womit er den Roman in das Gewand eines Erfahrungsberichts kleidet. „Der Ministerpräsident“ ist eine so beklemmende wie desillusionierende Satire auf die aufgeblasene Leerlaufmaschine Politikbetrieb, tragisch und auf rührende Weise komisch.

Joachim Zelter: Der Ministerpräsident. Klöpfer & Meyer, 188 Seiten, 18,90 Euro.

Joachim Zelter liest am Donnerstag, 20 Uhr, im Literaturbüro Nordhessen, Lassallestraße 15, Kontakt: 0561/70164857.

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