Im Farbenrausch: Neue Ausstellungen im Kasseler Fridericianum

Filmstreifen hinter Plexiglas: Detail aus der Ausstellung.

Kassel. Farbe und Licht im Medium des Films - darin lag das Interesse des US-amerikanischen Künstlers Paul Sharits (1943-1993).

Das Fridericianum in Kassel zeigt die weltweit erste große Retrospektive des Experimentalfilmers, der fast 20 Jahre an der State University in Buffalo im Bundesstaat New York lehrte. Es ist gewissermaßen seine Rückkehr nach Kassel: 1972 und 1977 hatte er an den documenta-Ausstellungen 5 und 6 teilgenommen.

Die drastische Filminstallation, die damals zu sehen war, „Epileptic Seizure Comparison“, läuft erneut in Kassel: die Zuckungen eines am Kopf verdrahteten Mannes sind beklemmend. Überwiegend aber ist Sharits abstrakt geblieben: Es wirkt, als wollte er der Wirkung des Films, auch dem Vorgang des Sehens, auf den Grund gehen, indem er dessen Bestandteile und Mechanismen analytisch auseinandernimmt, Film auf Farbflächen, Zelluloid und Licht reduziert. Faszinierend, wie Sharits in seinen „Frozen Film Frames“ Filmstreifen samt Transportlöchern zwischen hängende Plexischeiben montierte: abstrakte Farbkompositionen von verblüffender Intensität und Schönheit.

Die Filme begleiten jeweils Studien: sorgfältig, akribisch mit Filzstift auf Millimeterpapier angeordnete Farbpunkte oder Linien, die den Rhythmus und die Struktur des 16-Millimeter-Materials wie eine Notation wiedergeben. Die Filmräume, die Sharits geschaffen hat, nennt Susanne Pfeffer, Leiterin des Fridericianums, „in ihrer Komplexität und Dichte einmalig in der Kunstgeschichte“. Auch Film-im-Film-Darstellungen und Sound-Elemente tragen dazu bei - da tönt etwa ein Klang aus Lautsprechern, als würde Glas zerschlagen und zersplittern. Vor allem aber rattern die Projektoren, manchmal mehrere nebeneinander, und wirken selbst wie Skulpturen im Raum.

Im Spätwerk kehrte Sharits zur Malerei zurück. In dicken Streifen, aber präzise Linie für Linie aufgetragene Acrylfarben werden nun abgelöst durch Mixed-Media-Applikationen oder konkrete Darstellungen - etwa eines Fußes.

Ergänzt wird die opulente, eindrucksvoll präsentierte Sharits-Würdigung im Januar mit einem umfangreichen Katalog samt Werkverzeichnis.

Ausstellung von Eric Baudelaire läuft im Turm

Schautafeln, Tabellen und Statistiken haben nur begrenzte Aussagekraft. Die 200 Meter langen Tapetenbahnen jedenfalls, die Eric Baudelaire auf vier Stockwerken durch den Turm des Fridericianums laufen lässt, mit grafisch aufbereiteten Forschungsergebnissen zum linken Terror in Japan können nichts wirklich erklären, wie der 1973 in Salt Lake City geborene französische Künstler meint.

Baudelaire hat zunächst Politikwissenschaften studiert. Die Kunst jedoch, davon ist er überzeugt, kann womöglich schlüssigere Auskünfte geben. Oder wenigstens andere Fragen stellen. Den Blick neu justieren, weitere wichtige Erkenntnisse liefern.

Baudelaire nutzt seine erste, von Nina Tabassomi kuratierte Einzelausstellung, um der Geschichte des japanischen Avantgarde-Filmemachers Masao Adachi nachzuspüren, der gleichzeitig ein Ideologe der japanischen Roten Armee gewesen ist. Nouvelle Vague, Ästhetik, militante Politik, Terror - Baudelaire hat zwei Filme gedreht, die diese Verstrickung nachzeichnen. Er bedient sich dabei teilweise auch selbst Adachis filmischer Mittel.

Die faszinierend eingerichtete Ausstellung ist so komplex wie ihr Titel, man muss sich darauf aufmerksam und mit viel Zeit einlassen: „FRMAWREOK FAMREWROK FRMAEOWRK FOMARERWK“ heißt sie (und das steht auch auf der Flagge, die nun auf dem Turm weht) und bezieht sich auf den Rahmen, das Bezugssystem (framework) der Geschichtsschreibung. Wie wird die Realität konstruiert, die wir für selbstverständlich halten? Welche Fundamente haben Bilder und Dokumente, unter welchen Bedingungen kommen sie zustande, was ist Fiktion? Davon handelt Baudelaires Ausstellung.

Von Mark-Christian von Busse 

Neue Ausstellungen im Fridericianum

Beide Ausstellungen laufen bis zum 22. Februar 2015 im Fridericianum, Friedrichsplatz 18, in Kassel. Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro, mittwochs frei. Für Kinder bis 12 Jahre Eintritt frei. Jeden Tag finden Führungen statt, eine Auswahl: Di 11 Uhr „Film als Material“, Mi 15.30 Uhr Kunstgespräch für Senioren, 17 Uhr Führung durch beide Ausstellungen,

Sa 15 Uhr Führung Paul Sharits, So 15 Uhr Familienführung, 16 Uhr Führung Eric Baudelaire

Infos: Tel. 0561/7072720, www.fridericianum.org

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