Yasmina Rezas Komödie „Drei Mal Leben“ am Kasseler Staatstheater

Die Fassaden bröckeln

Machtgefechte auf der Sofalandschaft: Jürgen Wink (Hubert, von links), Christina Weiser (Ines), Caroline Dietrich (wurde als Sonja bei der Premiere von Alina Rank vertreten), vorn: Christian Ehrich (Henri). Foto: Klinger

Kassel. Henri will ein toller Hecht sein, doch er balanciert auf Hüttenschuhen auf der wabbeligen Sofalandschaft herum – was den Coolheitsfaktor seines Gesamteindrucks in Lichtgeschwindigkeit gen null streben lässt. Seiner Frau Sonja gelingt es wesentlich besser, einen taffen Look zu improvisieren – selbst mit Schlafanzughose. So gewandet, reicht sie statt des geplanten schicken Dinners Kinderkekse und gekaufte Appetithäppchen in der Pappschale.

Yasmina Reza zoomt in ihrer Gesellschaftskomödie „Drei Mal Leben“ die Befindlichkeit der gutbürgerlichen Beziehungswelt auf eine Begegnung zwischen zwei Paaren herunter. Am Samstag gab es bei der Premiere im ausverkauften Kasseler Schauspielhaus dafür viel Applaus.

Atomphysiker Henri will Kollege Hubert beeindrucken, damit der seine Beförderung unterstützt. Hubert (Jürgen Wink) und Ines (Christina Weiser) kommen aber einen Tag zu früh zu Henri (Christian Ehrich) und Sonja (Alina Rank), und so ist nichts vorbereitet. Man improvisiert.

Wohin das gesellschaftlich ambitionierte Schlingern nun führt – mal in eine lockere Viersamkeit mit witzigen Anekdoten und wollüstig viel Weißwein, mal in ein explosives Konglomerat aus Demütigung, Zynismus und Depression – das zeigen drei Versionen derselben Szene, die Reza in ihrem Theaterstück hintereinandergeschaltet hat. Welche Faktoren sind es, die einen Menschen zum Versager stempeln – Hüttenschuhe hin oder her (Kostüme: Brigitte Schima)? Wann fühlt sich ein Ehemann herausgefordert, seine Frau vor anderen niederzumachen? Wie sehr lässt sich ein Elternpaar vom quengelnden Kind terrorisieren?

Eva Lange inszeniert den pausenlosen 90-Minüter mit großem Feingefühl und bei aller Witzigkeit sehr subtil. Kein Slapstickkracher, sondern eine vielschichtige Studie der Machtgefüge in Beziehungen und des Zeitpunkts, wann die Fassade der sorgsam aufpolierten Selbstinszenierung bröselt. Das passiert unabwendbar, wie man sieht, selbst in jener Version des Abends, die so locker und relaxt startet.

Eva Lange lässt ihren vier großartigen Darstellern auf dem raumfüllenden Sofa (Bühne: Gabriela Neubauer) viel Entfaltungsraum. Allen voran ist Alina Rank zu nennen, die erst drei Tage vor der Premiere für die erkrankte Caroline Dietrich eingesprungen ist und den Abend souverän gemeistert hat. Ihre Sonja ist von einer leisen Arroganz durchdrungen: Dass sie es kaum aushalten kann, wenn ihr Mann einen Moment Oberwasser hat, lässt Alina Rank mit einer gänsehautmachenden Unerbittlichkeit aufscheinen.

Christian Ehrich belässt Henri bei aller Schwächlichkeit viel Würde, er differenziert die Schattierungen zwischen Verzweifeln und Mutschöpfen fein aus. Der Sohn (Elias Birkhahn) von Henri und Sonja ist nie zu sehen, meldet sich nur fordernd aus dem Hintergrund.

Christina Weiser zeichnet das Porträt der im Gesellschaftsleben routinierten Hausfrau, die die Frage nach ihrer Tätigkeit mit einem ebenso kampfeslustigen wie zynischen Grinsen beantwortet: „Nichts“. Jürgen Wink ist der akademische Aufschneidertyp alter Schule – mit besserwisserischem Ton gibt sein Hubert sich gönnerhaft oder setzt seine Nadelstiche des Herabwürdigens aller anderen so, dass deutlich wird: Der ist immer so.

Wieder am 18.4., 1.5., Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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