Fast alle nackt im dritten Akt

Nacktheit als Uniform: Das Ensemble des Kasseler Staatstheaters während des dritten Teils der Aufführung „the rite of spring“. Foto:  Pipprich/nh

Standing Ovations für Tanzdirektor Johannes Wielands Trilogie „the rite of spring“ am Kasseler Staatstheater

„Wir ordnen Dinge so ein, dass sie uns schlüssig erscheinen. Wir ordnen Dinge so ein, dass sie anderen schlüssig erscheinen.“ (Johannes Wieland)

Von Maja Yüce

Kassel. Johannes Wieland verlangt seinen Tänzern alles ab - und auch seinem Publikum. Der Tanzdirektor des Kasseler Staatstheaters geht in seinen Inszenierungen immer wieder an die tiefsten und düstersten Stellen des Seins. Stellt unbequeme Fragen. Besonders fühlbar wird das in „the rite of spring“, der neuen Wieland-Choreografie, die am Samstagabend im Opernhaus des Kasseler Staatstheaters Premiere feierte.

Eine Trilogie, bei der die Wucht des dritten Teils - zur Musik von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ (Frühlingsopfer) - die beiden anderen Choreografien etwas in den Hintergrund rücken lässt.

Vor zehn Jahren befasste sich Wieland bereits mit Sacre, damals ging er der Frage nach, welche Bedeutung die Familie hat und welche Werte das Leben bestimmen. Nun sucht er mit seinem auf 16 Tänzer hochgerüsteten Ensemble nach Antworten darauf, wo Ausgrenzung beginnt und wie man zum Opfer wird. Er liefert intensive Bilder, die sich in die Netzhaut einbrennen - ganz gleich, was die Tänzer tragen.

Schon bevor die Musik (Bachs Chaconne) erklingt, entfalten sich durch die wuchtigen, kantigen Bewegungen auf engem Raum große, nach und nach wie entfesselt wirkende Kräfte auf der durch kalte „Betonplatten“ stark verkleinerten Bühne (Bild: Momme Röhrbein). Die Tänzer teils rennend, wie in einem Hamsterrad, stoßen gegen Wände, klettern sie hinauf. Alle Versuche etwas zu ordnen, festzuhalten, misslingen.

Als nachdenklicher, fast regungsloser Erzähler sitzt Thomas Bockelmann am Rand und doch mittendrin. Seine Stimme bringt Warmherzigkeit in das unterkühlte schwarz-weiße Geschehen. „Wir verstehen, dass das Kleine sehr groß sein kann und umgekehrt“, sagt er im zweiten Teil auf der nun durch weitere Betonplatten verbreiterten Bühne. Der Tanz verläuft nicht synchron zur Musik, entwickelt eine eigene Dynamik und sorgt so für Spannung. Es wird geschubst, übereinander gelacht, geschlagen und verführt. Gefühle werden entdeckt. Tanz bleibt die Choreografie bei dem Mix aus Keuchen und Fleuchen, aus grazilen und ruckhaften Bewegungen, aus Gewalt und Ektase aber immer.

Schließlich schmeißt Wieland vor allem Strawinskys musikalischer Gewalten eine massive, splitternackte Gesellschaftsphysis entgegen. Nacktheit als Uniform. Nur zwei Tänzer bleiben bekleidet. Ausgegrenzt. Stigmatisiert. Aber Opfer? Ein Stück, das tief unter die Haut geht. Langer, stehender Applaus.

Es tanzten: Cree Barnett Williams, Pin-Chieh Chen, Zoe Gyssler, Gotaute Kalmataviciute, Annamari Keskinen, Alessia Ruffolo, Katerina Toumpa, Valentine Yannopoulos, Luca Ghedini, Niv Melamed, Safet Mistele, Victor Adrian Marinus Andreas Rottier, Shafiki Sseggayi, Will Thompson, Juan José Tirado Pulido, Sebastian Zuber.

Die Musik

Spürbare Energie

Geradezu wahnwitzig klingt die Idee, einem musikalischen Pulverfass wie Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ zwei weitere Musikwerke an die Seite zu stellen. Johannes Wielands Produktion wagte diesen Schritt. Mit der Verbreiterung des Bühnenbilds und der Radikalität des Tanzes nahm auch die Besetzung der Stücke zu, von Bachs berühmter d-Moll-Chaconne über das Streicherwerk „Ramifications“ von György Ligeti bis zum üppig instrumentierten „Sacre“. Diese Verbindung aus Andersartigkeit und Intensität geriet beeindruckend.

Das Bühnengeschehen hatte sich schon eine Viertelstunde entwickelt, als der erste Konzertmeister Razvan Hamza im Orchestergraben mit Bachs Chaconne begann. Seine flüssige, agogisch nicht allzu freie Interpretation des anspruchsvollen Solostücks gelang virtuos, wollte aber - vielleicht durch die räumliche Trennung - nicht ganz mit dem Tanz verschmelzen.

Wie Filmmusik wirkten danach die Verwebungen Ligetis. Behutsam ließen die Streicher unter Leitung des souveränen ersten Kapellmeisters Alexander Hannemann feinste Schwebungen entstehen: Sirren und Summen, aus dem sich wiegende Rhythmen und aufwärts strebende Entwicklungen herausschälten.

Eine beachtliche Leistung lieferte das Orchester mit Strawinskys trotz seines Alters von über 100 Jahren unverändert modern wirkender Ballettmusik. Die berüchtigte, über die Stimmgruppen präzise gestaltete Rhythmik verband sich mit differenzierten Klangfarben. Die Archaik der Paukenschläge, Bläserfanfaren und Streicherakkorde traf auf innerlich zerrissene, aber leuchtende Gesanglichkeit. Das schuf eine berauschende Verdichtung, deren Energie spürbar auf Bühne und Zuschauerraum überging.

Von Felix Werthschulte

Wieder: 3.5. und 5.5., 19.30 Uhr. Karten: 0561/1094-222.

www.staatstheater-kassel.de

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