Vor 90 Jahren starb der Komponist, Klaviervirtuose und Weltbürger Ferruccio Busoni

Fast vergessenes Universalgenie

Ferruccio Busoni Foto: dpa

Das Echo auf den deutsch-italienischen Künstler Ferruccio Busoni und sein Werk ist in seinem 90. Todesjahr eher verhalten. Neuaufnahmen gibt es so gut wie nicht, manche Biografie ist längst vergriffen. Dabei zählte das Universalgenie zu den schillerndsten Künstlerfiguren seiner Epoche.

Der Aufenthalt in Göttingen im Winter 1896 machte Busoni wenig Freude. „Ich ging ins Theater und blieb bis zum Ende des vorletzten Aktes. Auf den Straßen Totenstille, geschlossene Läden, geschlossene Fenster, verriegelte Häuser. Kein Mensch zu sehen. Die Stadt Göttingen (Musenstadt genannt) zählt 24 000 Einwohner; es ist wohl die kleinste, in der ich in neuer Zeit gespielt habe.“ Auch in Kassel gab er zwei Jahre später ein umjubeltes Konzert.

Busoni, der am 1. April 1866 nahe Florenz als Sohn eines italienischen Klarinettisten und einer deutschstämmigen Pianistin geboren wurde, war an Großstädte gewöhnt. Wenn er nicht in Moskau, Hamburg, Wien oder New York konzertierte, bewohnte er eine geräumige Wohnung in Berlin - geschätzt von Kollegen, verehrt von Schülern wie Kurt Weill, umschwärmt von den Damen.

Zeitgenossen wie der Kritiker Eduard Hanslick sahen in Busoni den Nachfolger der Klavierlegende Franz Liszt. Kult waren Busonis kräftezehrenden Konzertreihen, in denen er hochvirtuose Themenabende zu jeweils einem einzigen Komponisten gab.

„Er hat sich das Klavier ganz unterworfen“, meint der Musikwissenschaftler und Busoni-Biograf Reinhard Ermen. Erhalten hat sich Busonis virtuose Tastenkunst in einem umfangreichen Werk, das der Hamburger Pianist Wolf Harden komplett eingespielt hat. Dabei zeigt sich Busonis Leidenschaft für Johann Sebastian Bach. „Dieser war für ihn der Grundsätzliche unter den Musikern, der die Fundamente gelegt hat“, sagt Ermen.

Mit seinem Universalgenie und seinem visionären Talent setzte sich der Kosmopolit Busoni in Zeiten des Ersten Weltkriegs zwischen die Stühle. Für seine bereits 1907 verfassten Gedanken über die Grenzen des Dur-Moll-Systems wurde er zunehmend kritisiert. Wenig Glück hatte Busoni auch mit seiner Oper „Doktor Faust“: Über dem Werk, das er (ausgerechnet) als italienische Nationaloper konzipiert hatte, starb er am 27. Juli 1924 in Berlin.

Reinhard Ermen, dessen Busoni-Biografie mittlerweile vergriffen ist: „Busoni hat unglaublich starke Musik geschrieben, die es sich lohnt zu entdecken. Es ist Musik von einer faszinierenden Klanglichkeit, die immer wieder auffordert, mitzudenken.“

Buch: Reinhard Ermen, Ferruccio Busoni. rororo 1996 (vergriffen).

CD: Wolf Harden, Busoni: Piano Music Vol. 1-8, Naxos.

Von Felix Werthschulte

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