Schwerpunkt auf Filmschaffen der Region

Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest startet am Dienstag

Bewegte Bilder als Sensation: Der Film „Le Thé ou l’Electricité“ (Tee oder Strom) zeigt, wie sich ein Dorf in Marokko durch das Verlegen von Stromleitungen verändert. Fernsehen auf der Gasse ist dabei natürlich der Hit (Filmladen, Donnerstag, 17.15 Uhr). Foto:  nh

Kassel. Es ist ein hochkarätiges Sechstagerennen des Films: Am Dienstag eröffnet das Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest.

Bis Sonntag treffen in der Stadt in vier Kinosälen sowie mehreren Ausstellungs- und Tagungsräumen internationale und regionale Filmemacher, der Filmnachwuchs und ein Publikum aufeinander, das von Jahr zu Jahr wächst. 2011 besuchten 11.800 Gäste das Festival.

Mittlerweile fangen die ersten Vorführungen schon am Vormittag an, die Projektoren laufen bis weit nach Mitternacht, um dem wachsenden Interesse entgegenzukommen. Eingereicht wurden für die Festivalteilnahme 2814 Arbeiten, gezeigt werden 271 Filme.

Einen Schwerpunkt legt das Dokfest, das in Deutschland zu den wichtigen Schaufenstern des dokumentarischen Filmschaffens gehört, auf Filme der Region. 27 Arbeiten konkurrieren um den Kasseler Oskar, den Goldenen Herkules, der am Sonntag mit anderen Preisen vergeben wird.

Zur Situation von Dokumentarfilmern

In der Fernsehwelt stehen sie ganz unten: Dokumentarfilmer. Im Kino finden dokumentarische Arbeiten ein wachsendes Publikum, im TV werden sie in Spartenkanäle verbannt, feste Sendeplätze sind rar. Die Macher leben am Rand des Existenzminimums. Das hat eine aktuelle Studie der AG Dokumentarfilm ergeben, bei der knapp 100 Autoren und Regisseure befragt worden sind. Ergebnis: 85 Prozent können von ihrer Arbeit nicht leben. 18 Prozent leben unter dem Existenzminimum von 636 Euro im Monat. Thomas Frickel, Vorsitzender der Interessenvereinigung, will nun mit den Ergebnissen bei Sendern bessere Bedingungen aushandeln.

Kassels mehrfach preisgekrönter Dokumentarfilmer Klaus Stern („Versicherungsvertreter“) bestätigt den Trend, auch wenn er persönlich von seiner filmischen Arbeit leben kann. „Ich bin selbst nicht nur Autor, sondern auch Produzent, das erleichtert vieles.“ So könne er selbst entscheiden, wie er die Zeit zwischen Dreh und Schnitt aufteilt.

Stern beobachtet aber, dass Sender an Filmemacher immer mehr Anforderungen stellen - bis hin zur technischen Fertigstellung, etwa bei der Farbkorrektur. Und das bei seit zehn Jahren stagnierenden Budgets. „Wenn ein 45-Minuten-Film ein Budget von 30 000 Euro hat, kann man sich denken, wie schwer es ist, dafür mehr als nur eine betextete Bilderstrecke abzuliefern.“ Auch Recherche und der sensible Umgang mit den Gesprächspartnern für den Film brauchten ausreichend Zeit. Ein qualitätvoller 45-Minüter benötigte nach Sterns Einschätzung ein 20 bis 30 Prozent höheres Budget, als die Sender einzuplanen bereit sind.

Der 43-Jährige nimmt an der Kasseler Kunsthochschule Prüfungen bei Nachwuchsfilmern ab. Eine rosige Zukunft erwartet die nicht: „Eigentlich müsste man ihnen sagen: Ergreift einen anderen Beruf.“

Einen Grund für die Misere sieht Klaus Stern in der mangelnden Lobbyarbeit der Dokumentarfilmer: „Da fehlt es an Vehemenz im Auftreten.“ Gefordert werden müsste aus seiner Sicht ein fester Sendeplatz für längere Dokumentarfilme im deutschen Fernsehen, „und wenn es um 0.30 Uhr ist“. (fra)

Das Kasseler Festival findet vom 13. bis 18. November statt und endet am Sonntag, 20 Uhr, mit der Preisverleihung im Bali-Kino.

Infoschalter: Foyer Offener Kanal im Kulturbahnhof.

Orte: Kasseler Kinos Filmladen, Gloria und Bali.

Die Ausstellung Monitoring wird ab Mittwoch an mehreren Orten rund um den Kulturbahnhof gezeigt.

Die Eröffnung heute im Gloria ist ausverkauft.

www.kasselerdokfest.de

Von Bettina Fraschke

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