Anu Tali dirigierte, Susanna Levonen sang in Kassel

Faszination des Gesangs

Starker Auftritt in Kassel: Sopranistin Susanna Levonen und Dirigentin Anu Tali. Foto: Socher

Kassel. „Cantus“, also Gesang, als Motto über die Kasseler Sinfoniekonzert-Saison zu stellen, ist ungewöhnlich. Es ist aber auch ein Reflex auf den wachsenden Stellenwert, den das Singen in unserer Gesellschaft gerade wieder bekommt.

Seit Gustav Mahler hat ja das Volkslied Eingang in die sinfonische Musik gefunden. Dass aber ausgerechnet der Avantgarde-Komponist Luciano Berio (1925-2003) in seinen Folk Songs die beiden Sphären glücklich zusammenführte, mag überraschen.

Berio widmete 1964 seine elf Volkslieder der in mehreren Genres versierten Sängerin Cathy Berberian, mit der er vierzehn Jahre verheiratet gewesen war.

Wie wunderbar die 1973 für Orchester umgearbeiteten Lieder folkloristischen Gestus und neue kompositorische Ideen verbinden, führte in der fast ausverkauften Kasseler Stadthalle die finnische Sopranistin Susanna Levonen vor. In aller Einfachheit sang sie die amerikanischen Songs, kehlig und klagend das sizilianische „A la femminisca“, mit raschem Silbenspiel das italienische „Ballo“, im ironischen Parlando das französische „Malorous qu’o un fenno“ aus der Auvergne. Ein Temperamentsausbruch zum Schluss war das „Aserbaidschanische Liebeslied“.

Den äußerst charmant servierten Liedern unterlegten die estnische Gastdirigentin Anu Tali und das Staatsorchester Berios fantasievolle Begleitung, die mal einen schlichten Fiedelton anstimmt, mal als barock anmutendes Cello-Duo daherkommt und auch mal zum avantgardistisch verfremdenden Streicher-Flageolett greift.

Ein großes Hörvergnügen, das den Eindruck der Biederkeit von Brahms’ eingangs gespielter Akademischer Festouvertüre op. 80 noch verstärkte. Zumal von den darin verarbeiteten Studentenliedern heute nur noch das „Gaudeamus igitur“ annähernd bekannt ist.

Ein riesiger Klagegesang, allerdings rein instrumental-sinfonisch, ist Dmitri Schostakowitschs 10. Sinfonie e-Moll, die 1953, kurz nach Stalins Tod, uraufgeführt wurde und die im zweiten Satz, einem rasenden Allegro, ein schrilles Porträt des Diktators zeichnet.

Intensive Dirigierarbeit leistete Anu Tali, die beinahe jeden Takt zu modellieren schien. Dennoch wirkte der ausladende erste Satz, eine Trauermusik zwischen Verlorenheit und heftigem Aufbegehren, seltsam unbelebt.

Erst nach der furiosen Stalin-Episode, im dritten und vierten Satz, offenbarte sich der suggestive Charakter von Schostakowitschs Musik, befeuert auch von herausragenden solistischen Leistungen (Joachim Pfannschmidt, Horn, Patrick Liebich, Fagott).

Nach dem aufs Äußerste forcierten Jubel, mit dem Schostakowitsch den Finalsatz der Zehnten enden lässt, setzten im Saal kaum weniger stürmische Beifallsbekundungen ein.

Von Werner Fritsch

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