Faszination Tapete in der Kunst

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Der Betrachter tritt geradezu ins Bild: Patricia Lambertus’ aktuelle Arbeit „Chambre bleu“ im Kunstverein Schwerin auf Grundlage von Tapeten und Bildern aus dem Schweriner Schloss. Foto: Busch

Seit Jahren liegen die Schätze des Deutschen Tapetenmuseums in Kassel im Depot - wann sie je wieder zu sehen sein werden, steht in den Sternen. Nur in Sonderausstellungen, zurzeit im Westpavillon der Orangerie, werden Exponate gezeigt. Die Bremer Künstlerin Patricia Lambertus arbeitet mit Tapeten - wie gerade im Kunstverein Schwerin.

Wie sind Sie zur Tapete gekommen?

Patricia Lambertus: Während meines Studiums habe ich gemalt und gezeichnet. Als als ich angefangen habe, Installationen zu machen, habe ich nach einem neuen Material als Farbersatz gesucht. Da bot sich die Tapete an. Ich hätte damals nie gedacht, dass sich das Feld für mich so unglaublich erweitert, sowohl vom Material her als auch inhaltlich. Bei Tapeten hat man den Aspekt des Wohnraums, mit dem man sich permanent umgibt, womit wir alle groß geworden sind, aber auch den Aspekt der „Hochkultur“. Bei bestimmten Tapeten löst man Emotionen bei Menschen aus, die damit aufgewachsen sind. Das ist ein persönlicher Anker in der Lebensgeschichte jedes Einzelnen.

Gesellschaftlicher Wandel spiegelt sich im persönlichen Geschmack. Man richtet sich mit Tapeten ein, sie stehen für häusliche Behaglichkeit, aber sie haben in offiziellen, prachtvollen Räumen auch etwas Repräsentatives.

Lambertus: Ja, Tapeten gehören zu unserer Kultur und zum persönlichen Lebensbereich, und wenn beides sich mit der Kunst vermischt, ist das sehr spannend. Wie eine archäologische Studie. Man kann daran total viel ablesen: Es gibt zurzeit diese Schlaufe zurück, zum Ornamentalen, zum Prunkigen. Neo-Barock kommt wieder, mit diesem schrecklichen Designer Harald Glööckler:

Er entwirft auch Tapeten.

Lambertus: Und das im Stil von: Jeder kann sein eigener Schlossherr sein. Dabei gab es mal eine Zeit, in der es gar keine Tapeten gab, in der sie verpönt waren. Alles war bauhaus-mäßig clean. Jetzt kommt das Verspielt-Ornamentale zurück.

Sie benutzen vorhandene Tapetenstücke für Collagen, lassen aber auch Tapeten drucken. Wie funktioniert das technisch?

Lambertus: Ich nehme gefundene, gekaufte oder gesponserte Tapeten, die es im heutigen Markt gibt, als klassische Materialcollagen. Diese Tapeten gibt es in der Regel zu kaufen. Und ich stelle Collagen am Computer her. Da benutze ich abfotografierte Tapetenfragmente, diverses Bildmaterial aus Medien oder eigene Fotos, und die bearbeite ich so, dass ich alles als Tapete drucken lasse. Manchmal nehme ich die später wieder ab und benutze sie in anderen Kontexten, oft auch wieder zusammen mit Realtapete.

Also wie die klassische Fototapeten der 70er, Sonnenuntergänge oder Bergidyll. Nur dass Sie ganz andere Themen haben.

Lambertus: Das war auch ein ganz ursprünglicher Ausgangspunkt, dass ich in einem Abbruchhaus so eine alte Strandtapete gefunden habe, die halb abgerissen und total schön kombiniert war mit anderen Tapeten. Daraus habe ich dann eine Arbeit gemacht. Früher haben die Menschen jahrelang an einer Tapete gearbeitet, dann kam diese Billigdruck-Bildtapete für jedermann. Heute kann man jedes Digital-Motiv als XXL-Tapete drucken. Das ist technisch simpel.

Im Tapetenmuseum in Kassel wird die Geschichte der Tapete erzählt, sowohl ihrer Herstellung als auch des Wandels des Geschmacks. Warum ist ein solches Museum wichtig?

Lambertus: Für mich wäre es interessant, geballt zu sehen, wie aufwendig Bildtapeten einst hergestellt wurden. Das hat Jahre gedauert. Das Lesen darüber ist das eine, das Sehen ist immer noch etwas anderes, um Dinge wirklich zu begreifen. Dieses Erleben bei einer Führung ist einprägsamer als jede Lektüre. Und: Man kann man am Thema Tapete entlang die ganze Kulturgeschichte erzählen.

Man könnte denken, Tapeten seien vor allem ein historisches Phänomen. Warum sollten wir uns damit beschäftigen? Was kann man da lernen?

Lambertus: Zeitgeschichte macht ja immer auch Sprünge. Biedermeier und Rückwärtsgewandtheit sowie Aufbrüche und Offenheit wechseln sich ab. Am Beispiel der Tapete lässt sich analysieren, wie die Gesellschaft funktioniert, in der man lebt, und wie man selbst funktioniert. Wandbehänge gehören zum Dekors, sie sind das, was man nicht braucht, aber was trotzdem schön ist. Ein klassisches Kulturgut.

Da spielen auch Statusfragen rein: Wer sich etwas leisten kann, zeigt es mit seinen Tapeten?

Lambertus: Auf jeden Fall. Es gibt so richtig edle Tapeten, aber eben auch Imitate, die wie Stoff wirken.

Fasziniert Sie eine historische Tapete besonders?

Lambertus: Das ist die Panoramatapete der Napoleon-Schlacht von Austerlitz („Bataille d’Austerlitz“) im Tapetenmuseum. Ich kenne sie nur von Bildern. Die hätte ich mir gern im Original angeguckt. Darauf kann man einen kompletten Kriegsverlauf sehen. Eigentlich sehr undekorativ, wenig floral aufgepeppt, karg und deshalb untypisch. Die hab ich richtig lange studiert. So bin ich auch zur Kriegsthematik gekommen.

Sie beschäftigen sich mit düsteren Themen wie Krieg und Flüchtlingselend. Was reizt Sie daran?

Lambertus: Wahrscheinlich reizt mich gerade dieser Widerspruch. Ich will ja nicht mit Kunst schöne Dinge herstellen, sondern ich suche nach Brüchen, nach Dingen, die sich reiben. Das funktioniert mit dem Material Tapete gut. Das ist ein Hingucker, der einen sofort anzieht oder abstößt. Jedenfalls erstmal eine Schönheit. Sie zu brechen mit den Themen, die mich beschäftigen, ist reizvoll. Und ich finde auch, die Themen stecken selbst darin. Etwa in der Ausstattung eines Schlosses. Da gibt es ja ökonomische Schattenseiten. Der Prunk des Herrschaftssystems funktioniert nur wegen Verhältnissen, die man nicht gern sieht.

Sie verlängern das Bild in den Raum hinein, die Installation ist konkret darin verankert, indem die Tapete in den Raum übergeht, Sie den Fußboden in die Darstellung aufnehmen oder wie beispielsweise in Schwerin Sand im Raum ausbreiten. Wie wichtig ist Ihnen das?

Lambertus: Ich versuche, Raumbilder zu schaffen. Man soll über die Bildidee hinaus als Betrachter Teil dieses Kosmos werden, das Auge soll zum realen Gegenstand wechseln, deshalb ist mir dieser trompe l’oeil-Eindruck wichtig.

Glauben Sie, dass das Thema Tapete irgendwann ausgereizt ist?

Lambertus: Die Tapete ist wie Ölfarbe oder Acryl, es ist für mich Trägermaterial. Das Inhaltliche ist das eigentlich Spannende, also die Frage, wie ich solche Brüche hinkriege: in den Ortsbezügen, im jeweiligen Ambiente. Und das ist noch lange nicht ausgeschöpft. Je tiefer ich da grabe, desto mehr Felder öffnen sich.

„Rapport“, Kunstverein Schwerin, mit Myriam Thyes, bis 17. August, Künstlergespräch am 17.8., 16 Uhr. www.kunstverein-schwerin.de

Zur Person

Patricia Lambertus (44, geboren in Kempten, ledig), hat in Bremen und Berlin studiert. Zahlreiche Förderpreise und Stipendien, etwa im Künstlerhaus Schloss Balmoral Bad Ems. Ausstellungen u. a. im Kunstverein Gera, Goethe-Institut Damaskus, Museum Bochum. www.patricialambertus.de

Von Mark-Christian von Busse

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