Interview: Regisseur Cary Fukunaga bringt den Romanklassiker „Jane Eyre“ auf die Leinwand

„Faszination des Todes ist zentral“

Es wird romantisch: Regie-Wunderkind Cary Fukunaga hat den britischen Literaturklassiker „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë verfilmt. Vor der Kamera: Judi Dench und Michael Fassbender.

Es gibt bereits über ein halbes Dutzend Verfilmungen von „Jane Eyre“ - Was hat Sie an einer weiteren Version gereizt?

Fukunaga: Zum einen bin ich ein Fan dieser Epoche, deswegen habe ich auch Geschichte studiert. Zum anderen hat mich dieser Roman schon als Jugendlicher sehr fasziniert. Mich hat der Stoff begeistert und ich wollte ihn unbedingt einmal für die Leinwand umsetzen.

Ist das nicht eher ein Roman für Frauen?

Fukunaga: Was den romantischen Teil anlangt, spricht „Jane Eyre“ sicher vorwiegend ein weibliches Publikum an. Aber es gibt in dem Roman ja auch noch eine düstere Seite.

Verstehen Sie „Jane Eyre“ als feministisches Drama?

Fukunaga: Ich würde den Roman als prä-feminisisch bezeichnen, schließlich verlangt Jane ja kein Wahlrecht für Frauen. Aber sie fordert die Gleichbehandlung ein. Jane sagt ganz klar, dass sie nicht weniger wert ist als Männer.

Wo sehen Sie die Bedeutung für heute?

Fukunaga: Für uns heute ist die Thematik sicher nicht mehr so aktuell wie damals, deswegen ist es umso wichtiger, dass man die Figuren möglichst attraktiv für das heutige Publikum gestaltet. Die Zuschauer müssen eine Verbindung zu den Charakteren aufbauen. Und mit einer Jane Eyre, die sich aller Schicksalsschläge zum Trotz so erfolgreich durchzusetzen vermag, fällt es leicht, Mitgefühl zu entwickeln.

Welche Rolle spielen die düsteren Elemente in der Geschichte für Sie? Wollen Sie damit das männliche Publikum in das Kino locken?

Fukunaga: Sie sind keineswegs als Marketingstrategie gedacht. Für mich symbolisieren die Horror-Anleihen die Sterblichkeit, die im Roman ja sehr deutlich zum Ausdruck kommt. In der Faszination des Todes liegt für mich ein zentraler Kern dieser Geschichte.

Wie haben Sie Judi Dench für Ihren Film gewonnen?

Fukunaga: Ihr Agent hatte mir geraten, Judi statt des üblichen Drehbuchs lieber einen persönlichen Brief zu schreiben - das habe ich gemacht und es hat funktioniert. Judi besitzt einen wunderbaren Humor und sie verfügt über natürliches Charisma, das völlig unangestrengt wirkt.

Was macht die Qualität von Michael Fassbender aus?

Fukunaga: Er war meine erste Wahl für die Rolle. Wenn man überlegt, was er bislang schon gespielt hat, kann man sehr gespannt auf seine schauspielerische Zukunft sein.

Sie gehören zu jenen Regisseuren, die als Wunderkind gefeiert wurden - wie belastend ist diese Erwartung?

Fukunaga: Ich habe dieselben Zweifel, die ich als Filmstudent schon hatte. Ich brauche das Gefühl einer gewissen Angst - ohne diese Herausforderung wäre die Arbeit für mich uninteressant.

Einige Ihre Bilder wirken wie Gemälde von Vermeer - wie ist Ihr visuelles Konzept?

Fukunaga: Schon als Kind war ich begeistert von dem Vermeer-Druck meiner Mutter, ein Bild einer Frau, die in einen Eimer schaut. Diese Stimmung und das Licht, die mich in meiner Kindheit so faszinierten, wollte ich bei diesem Film auch erreichen.

Von Dieter Oßwald

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