FAZ-Journalistin: Keine Angst vor Muslimen

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Karen Krüger

Kassel. FAZ-Redakteurin Karen Krüger wirbt für einen differenzierten Blick auf den Islam. Ihr Buch "Eine Reise durch das islamische Deutschland" stellte sie in Kassel vor.

Kassel. Karen Krüger freute sich, am Mittwochabend im Evangelischen Forum auf den Kasseler Pfarrer i. R. Konrad Hahn zu treffen - er hatte sie Anfang der 90er-Jahre in Istanbul konfirmiert.

Die in Marburg geborene und in Waldshut-Tiengen (Südbaden) aufgewachsene Feuilletonredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat als Schülerin mit ihrer Familie mehrere Jahre in der Türkei gelebt, sie spricht fließend Türkisch. Auch daher rührt das Interesse an ihrem „journalistischen Spezialgebiet“, dem Islam.

Als sie in Istanbul lebte, „spielte Religion keine Rolle“, sagte Krüger. Kopftücher wurden vornehmlich von „alten anatolischen Mütterchen“ getragen. Das hat sich unter Recep Tayyip Erdogan geändert. Und auch in Deutschland ist die islamische Religion inzwischen ein großes Thema - „aus Gastarbeitern wurden Muslime“, so spitzt Krüger diese „religiöse Etikettierung“ zu. Der 11. September 2001 ist für sie der Wendepunkt - seither werde der Islam als eine Religion wahrgenommen, vor der man Angst haben müsse.

Es ist ein Bild, das sie für viel zu einseitig hält. Deshalb hat sich die 41-Jährige aufgemacht zu einer „Reise in das islamische Deutschland“. Aus dem gleichnamigen Buch las sie Passagen vor, ehe sich mit den 30 Besuchern eine intensive Diskussion entspann.

„Wer ist der Islam und wenn ja, wie viele?“, fragt Krüger. In den Medien sei meist nur von Ehrenmorden, Koran-Verteilungen oder Attentaten die Rede. Es gebe aber nicht „den“ Islam, wie es nicht „das“ Christentum gebe. Der Islam sei eher ein Mosaik, dessen Muster und Farben gerade ausgehandelt werden. Krüger will entgegen den medialen Zuspitzungen Muslime vorstellen, die sonst nicht zu Wort kommen: Millionen integrierte Gläubige, die einen Islam der Spiritualität, Liebe und Barmherzigkeit leben, die die Religion nicht über das Grundgesetz stellen, fromm, aber freiheitsliebend und tolerant: „Diese liberalen Muslime müssten sich viel stärker bemerkbar machen.“

Das Kopftuch könne Zeichen von Unfreiheit und Unterdrückung, aber auch von gelebter Spiritualität, von Selbstbewusstsein und Weiblichkeit sein - so, wie man mit dem Koran „Suren-Pingpong“ spielen könne, um unterschiedliche Auslegungen zu behaupten.

Krüger vermutet, dass unsere säkularisierte Gesellschaft schlecht damit umgehen könne, wenn Religionszugehörigkeit im öffentlichen Raum sichtbar wird. So las sie den Abschnitt von einer ICE-Zufallsbegegnung mit einer Nonne, die Krüger berichtete: „Ich werde angesehen wie ein Autounfall.“ Auch gläubige Muslime verstörten, weil viele Deutsche mit Religionen, die in vielen anderen Weltgegenden noch eine viel größere Rolle spielten, generell nichts mehr anfangen könnten. Dabei sei der Glaube eine wichtige, aber eben nicht die einzige Facette der Identität vieler Muslime. Doch durch diese Überbetonung würden Muslime erst zu Muslimen gemacht, indem ihre Persönlichkeit immer nur auf die Religionszugehörigkeit reduziert werde.

Krüger besuchte unter anderen eine Bloggerin mit Kopftuch, eine muslimische Bestatterin und eine Imamin, einen muslimischen Comedian, einen muslimischen Soldaten im Wachbataillon der Bundeswehr, eine Frau, die sich vom Islam abgewandt hat und eine Berliner HipHopperin, die sich nach acht Jahren nach einer ungeheuren Kraftanstrengung vom Salafismus gelöst hat. Der Extremismus biete durch klare Regeln Ordnung, Struktur und Sicherheit, man müsse keine eigenen Entscheidungen treffen, es gebe keinen Platz für Zweifel - das mache ihn attraktiv für labile Menschen mit schwierigem biografischem Hintergrund: „Ein Korsett gibt Halt.“ Islamischer Extremismus biete auch die Chance, schnell aufzusteigen und an Bedeutung zu gewinnen, ja überhaupt aufzufallen, sich gegen die Gesellschaft zu stellen - für einige Soziologen sei der Salafismus deshalb auch „eine Form von Punk“.

Krüger hält umgekehrt Pegida- und AfD-Anhänger, die angesichts von vier Millionen friedlich in Deutschland lebenden Muslimen und schätzungsweise keinen 2000 Salafisten den Islam pauschal fürchteten, für rückwärtsgewandt: „Sie wollen eine Vergangenheit zurück, die es so nie gegeben hat.“

„Es ist an der Zeit, mehr aufeinander zuzugehen“, sagte Krüger. Um gegen Ausgrenzung und Vorurteile anzugehen, sei Bildung unabdingbar. Islamischen Religionsunterricht hält sie für „sehr, sehr wichtig“, weil es auch in muslimischen Familien wenig Wissen über Religionen gebe. Das mache anfällig, Fanatikern zu glauben: „Wissen schützt, Halbwahrheiten auf den Leim zu gehen.“

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