Sir Simon Rattle dirigiert die Operette „L’ Étoile“ von Emmanuel Chabrier an der Staatsoper Berlin

Federleicht schwingt nur die Musik

Opernburleske: Juanita Lascarro (Prinzessin Laoula, von links), Magdalena Kozená (Lazuli), Jean-Paul Fouchécourt (König Ouf). Foto:  dpa

Berlin. „Nicht für Betschwestern, spröde alte Jungfern und Hypermoralisten“ gemacht sei Emmanuel Chabriers Operette „L’ Étoile“. So hieß es nach deren Uraufführung 1877. Sondern etwas „für Menschen mit hohem intellektuellen und erotischen Unterhaltungsbedürfnis“. Oh, là là! Schade, dass das Programmheft mehr verheißt, als die uninspirierte Inszenierung an der Berliner Staatsoper vermuten lässt.

Im Mittelpunkt der melodienreichen, temperamentvollen Opéra bouffe vom „Engel des schrägen Humors“ aus der Auvergne steht ein neurotischer Herrscher namens Ouf (was sich anhört wie Uff). Der denkt hauptsächlich an Exekutionen und Jungfrauen und lässt sich von seinem Astrologen Siroco die Sterne deuten.

Es ist die letzte Premiere an der Staatsoper, szenisch kaum besser als eine konzertante Aufführung eingerichtet vom amerikanischen Bass Dale Duesing. Hauptsächlich als Sänger ist er sonst unterwegs, etwa in Simon Rattles „Ring“-Zyklus in Aix-en-Provence und Salzburg. Der rührige Philharmoniker-Chef hat die Operette ausgegraben und dirigiert das komisch-absurde Opus schwungvoll und transparent.

Natürlich mit seiner Gattin, Mezzosopranistin Magdalena Kozená, die die „Romanze an den Stern“ singt. In der Haupt- und Hosenrolle des Straßenhändlers Lazuli sorgt ihre bewegliche Stimme, die etwas an Tiefe vermissen lässt, für kraftvolle Eleganz in den höchsten Tönen. Übertrumpft wird sie durch die pointierten Töne Königs Ouf I., den Jean-Paul Fouchécourt prima über die Rampe bringt.

Alles klingt federleicht und mühelos, wie es sein soll, nur die extrem fantasielose Inszenierung der spritzigen Opernburleske wiegt bleischwer. Aus dem geistlosen, hundertmal gesehenen Hotel-Einheits-Ambiente mit blinkender Neon-Aufschrift „L’ Étoile“ (Bühne: Boris Kudlicka) gähnt szenische Langeweile. Unterstützt durch nichts sagende Kostüme, wie sie für sämtliche Aufführungen zwischen Salzburg und Berlin vorgestern tauglich erschienen. Das Publikum dankt mit heftigem Applaus - warum auch immer. Der einhellige Jubel für die Musik erscheint hingegen verdient.

Im Juni schließt sich der Vorhang Unter den Linden nun für drei Jahre der Sanierung. Am 3. Oktober beginnt die Interimszeit im Schillertheater, wenn „Metanoia“ von Jens Joneleit und Christoph Schlingensief uraufgeführt wird. Dann wird wieder Daniel Barenboim am Pult stehen.

Wieder heute und am 30. Mai. Karten: Tel. 030/ 20354555, www.staatsoper-berlin.de

Von Andrea Hilgenstock

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