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Ein etwas anderer Fotoroman

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Nach langer Trennung wieder vereint: Die drei Protagonistinnen auf einer Dinnerparty.
Nach langer Trennung wieder vereint: Die drei Protagonistinnen auf einer Dinnerparty. © Andreas Fischer

Viele kennen den Fotoroman vielleicht noch aus dem „Bravo“-Magazin, in dem dramatische Geschichten durch aneinandergereihte Fotos mit Sprech- oder Denkblasen erzählt werden.

Das Medium hat in den letzten Jahren im Gegensatz zu ähnlichen Formaten wie Comics oder Graphic Novels aber an Bedeutung verloren und wird oft eher belächelnd in Erinnerung behalten. Das Berliner Künstler-Kollektiv Fehras Publishing Practices beweist mit seiner Ausstellung „Borrowed Faces“ in der Hafenstraße 76 jedoch, dass der Fotoroman neue Beachtung verdient. Es zeigt sich, dass man Lesern damit auf beeindruckende Weise auch komplexe Themen näher bringen kann.

Auf einem Tisch am Anfang des Rundgangs findet sich die erste Ausgabe von Fehras Publishing Practices’ Fotoroman-Reihe „Borrowed Faces“. In dem Magazin wird in bunten Bildern die Geschichte der drei fiktiven Frauen Afaf Samra, Hala Haddad und Huda Al-Wadi erzählt. Dargestellt werden die Frauen von den Künstlern, die sich als queer definieren.

In Beirut in den 1960er-Jahren treffen sich die Protagonistinnen, um verschiedenen Strömungen des damaligen Verlagswesens nachzugehen. Während Hala und Afaf sich dem amerikanischen Franklin Book Program anschließen, entdeckt Huda Geheimnisse über den sowjetischen Buchmarkt. Die Geschichte wird als Mix aus Politik, Kultur, Freundschaft und Patriarchat beschrieben. Doch sie stellt nur die Vorgeschichte für die eigentliche documenta-Ausstellung dar.

Die drei in Berlin ansässigen Künstler Sami Rustom, Omar Nicolas und Kenan Darwich gründeten 2015 ihr Kollektiv Fehras Publishing Practices, um der weitreichenden Geschichte des Verlagswesens auf den Grund zu gehen. Dabei schauen sie vor allem in den nahöstlichen Raum und betrachten geschlechterspezifische Fragen.

Die zweite Ausgabe von „Borrowed Faces“ wurde speziell von der Weltkunstausstellung in Auftrag gegeben und wird in der Hafenstraße im Großformat ausgestellt. Anstatt in einem Magazin zu blättern, kann man durch den Fotoroman spazieren. In der ausgestellten Ausgabe arbeiten die drei Freundinnen in Kairo an einer Zeitschrift von Frauen, um die afro-asiatische Solidaritätsbewegung zu unterstützen. Zur gleichen Zeit wollen die Amerikaner mit dem Cultural Congress for Freedom etwas Ähnliches erreichen, nur ohne weibliche Stimmen.

Zu Beginn sieht man Hala (Rustom), die mit einem amerikanischen Vertreter über die komplizierte Lage des arabischen Magazins redet. Vor orange-roter 1960er-Jahre-Tapete scheint ein in einen dunklen Karo-Anzug gekleideter Amerikaner nicht zufrieden mit der Wahl der Angestellten zu sein. Hala, die stilsicher eine schwarze Lederjacke über einem roten Kleid trägt, stimmt ihm zu. Akzentuiert mit rotem Lippenstift und schimmernden Perlenohrringen, ist die Darstellung einer Amerikanerin mit syrischen Wurzeln vor 60 Jahren durch den kahl geschorenen und bärtigen Rustom ein Blickfang, der ebenso fesselt und gespannt macht, wie die ungewohnte Darstellung der anderen Charaktere.

Die Themen scheinen trotz der Ansiedlung in den 1960er-Jahren oft absolut modern zu sein: Ein amerikanischer Verleger sagt zum Beispiel, dass die arabische Zeitung lieber den „Man of Modernity“ (Mensch der Moderne) zeigen soll, anstatt nur den „Man of the East“ (Mensch des Ostens). Die Einstellung sieht man auch in der heutigen amerikanischen Sichtweise auf den Nahen Osten, der sich oft zwanghaft an den Westen anpassen soll.

Auf geheimer Mission: Die Heldinnen erfahren vertrauliche Hinweise bei einem Saunabesuch.
Auf geheimer Mission: Die Heldinnen erfahren vertrauliche Hinweise bei einem Saunabesuch. © Andreas Fischer

Das gewählte Medium ist dabei ein absoluter Hingucker, auch wenn man sehr schnell von der Fülle an Eindrücken wie Charakteren, Geschichten, Themen oder Sprechblasen erschlagen werden kann.

Passend für die 1960er-Jahre-Kulisse ist der Fotoroman aber allemal und bietet einen innovativen Umgang mit einem komplizierten Thema. Die Bilder sind in bunten Farben gehalten und die Motive authentisch und detailgetreu komponiert. Das Schauspiel ist exzentrisch und dramatisch und gibt auch gerade deshalb das Genre gut wieder. Die Schöpfer scheinen ihr Medium vorher sorgfältig ausgewählt und verstanden zu haben und reizen es bis zu den Grenzen aus.

Um einen vollständigen Eindruck zu gewinnen, muss man für die Ausstellung „Borrowed Faces“ mehrere Stunden einplanen, um die erste Ausgabe als Magazin zu lesen und die Geschichte der zweiten Ausgabe in allen Einzelheiten zu verstehen. Die meisten Besucher werden diese Zeit bei einem Ausflug in die Hafenstraße wahrscheinlich nicht aufbringen können.

Was am Ende aber auf jeden Fall bleibt, sind viele Eindrücke zum Verlagswesen und dem nahöstlichen Fokus. Der Fotoroman hat neue Beachtung verdient, da das Medium auch heutzutage noch viel zu bieten hat.

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