Die Atzen machen Proll-Sound salonfähig - Mischung aus Schlager, Techno und Rap

Feiern, bis der Arzt kommt

Die Aufsteiger der Saison: Marc Schneider alias Manny Marc (links) und Vicente de Teba Költerhoff alias Frauenarzt sind die Atzen. Foto: nh

Das hätte Vicente de Teba Költerhoff auch nicht gedacht, dass sich noch einmal alle um ihn reißen würden. Vor einigen Jahren wurde der Berliner HipHopper unter dem Künstlernamen Frauenarzt bekannt. Seine Musikrichtung nannte er Gyno-Rap, seine Texte riefen die SPD-Politikerin Monika Griefahn auf den Plan. Die Vorsitzende des Medienausschusses im Bundestag forderte eine stärkere Kontrolle von CDs wie „Porno Mafia“. Vergangenes Jahr wurde Frauenarzt, der zwischenzeitlich nicht einmal seine Miete bezahlen konnte, wegen pornografischer Gewaltdarstellung zu einer Geldstrafe verurteilt. Er ist jetzt vorbestraft, aber auch schon resozialisiert.

Mit Marc Schneider alias Manny Marc bildet der 31-Jährige das Duo Die Atzen. Gerade ist ihr neues Album „Atzen Music Vol. 2“ auf Rang fünf der deutschen Charts eingestiegen - knapp hinter Johnny Cash und noch vor DJ Bobo. Jetzt reißen sich alle um ihn. Frauenarzt gibt so viele Interviews, dass wir ihn auf der Autobahn erreichen, als wir ihn auf dem Handy anrufen. „Das ist gerade der ganz krasse Hype“ sagt er, nachdem er einen Rastplatz angesteuert hat.

Begonnen hat sein Höhenflug im vergangenen Spätsommer, als der „Spiegel“ nach der Wirtschaftskrise und der Schweinegrippe „das dritte Ungemach“ auf Deutschland anrollen sah. Das Magazin meinte den Atzen-Sound, eine Mischung aus Schlager, Billig-Techno und Aggro-Rap. Das sind die Zutaten, aus denen die Atzen ihre Proll-Hymne „Das geht ab! (Wir feiern die ganze Nacht)“ gemacht haben. Die war in der vergangenen Saison nicht nur auf Mallorca der Hit, wo die Atzen mit 3000 alkoholisierten Fans abfeierten, sondern auch hier zu Lande.

Auf ihrem neuen Album beweisen die Berliner erneut, dass der Ballermann überall sein kann. Im April treten die Aufsteiger beim Kasseler Discofestival in den Messehallen auf. Der Atzen-Sound reißt die Grenze zwischen Club- und Kirmeskultur nieder. „Mit unserer Musik kann man den Alltagsstress vergessen und abschalten“, sagt Frauenarzt, der beobachtet hat, dass auf den Atzen-Sound alle abfahren: „von drei bis achtundachtzig“.

Doppeldeutige Texte

Deshalb hat er sogar seine Texte etwas entschärft. In den neuen Liedern singt er doppeldeutige Zeilen wie: „Atzen, macht die Anna nass.“ und „Wasch dir mal wieder die Pflaume.“ Über diese peinliche Pubertäts-Lyrik regt sich nicht einmal mehr eine Jugendschützerin wie Griefahn auf.

Atzen, was in Berlin so viel heißt wie Freunde, gibt es heute fast überall. Sogar bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver: Die Brille, die der Schweizer Skisprung-Olympiasieger Simon Amman bei der Siegerehrung trug, sah fast genauso aus wie die „Atzen Style Brille“, die Frauenarzt und Manny Marc in ihrem Online-Shop verkaufen. Die CD findet man dort nur in einer Unterkategorie. Das ist vielleicht auch ganz gut so.

Die Dreifach-CD „Atzen Musik Vol.2“ ist bei Edel erschienen

Die Atzen treten am 17. April beim Kasseler Discofestival in den Messehallen mit Westbam, den Disco Boys, Boris Dlugosch, Markus Kavka, Ziel 100 und anderen auf. Karten unter www.discofestival.de

Von Matthias Lohr

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