Andres Veiel im Interview über seinen Film „Wer wenn nicht wir“ zur Frühgeschichte der RAF

„Feine Haarrisse des Aufbruchs“

Junge Rebellen: August Diehl als Bernward Vesper und Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin in dem Drama „Wer wenn nicht wir“.

Es muss nicht immer der „Baader Meinhof Komplex“ sein, wenn es um die RAF geht. Der Dokumentarfilmer Andres Veiel erzählt mit seinem diese Woche anlaufenden Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ die Liebesgeschichte zwischen Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, die später mit Andreas Baader in den Untergrund ging.

Herr Veiel, was hat es mit dem Titel auf sich?

Andres Veiel: „Wer wenn nicht wir“ ist ein Zitat von Rudi Dutschke aus seiner Rede vor dem Vietnam-Kongress 1968. Für mich war das als Titel wichtig, weil wir im Film vom frühen Aufbruch erzählen: Es geht um die feinen Haarrisse des Aufbruchs.

Es gibt einige Filme zum Thema Terrorismus und RAF - was unterscheidet Ihren Film?

Veiel: Bei allen Filmen über die RAF finden sich die gleichen Bilder: Schüsse auf Rudi Dutschke. Studentendemonstrationen. Mir war wichtig, früher anzufangen. 1961 deutet nichts darauf hin, dass Ensslin oder Baader später in den Untergrund gehen werden. Zufall und familiäre Prägungen spielen dabei eine Rolle. Es ist ein Ursachendickicht, das viel komplizierter ist als all die Bilderschleifen, die bislang gezeigt wurden.

Wie war Ihre RAF-Doku „Black Box BRD“ eine Vorbereitung für diesen Film?

Veiel: Das Vorwissen aus „Black Box“ war nur mein Ausgangspunkt für eine Reise in das Unbekannte. Dazu gehört die politische und private Vorgeschichte, der Blick auf die familiären Hintergründe. Diesen Spuren wollte ich nachgehen, um neue Antworten zu finden. Ich wollte keinen neuen Thesenfilm zur Vorgeschichte der RAF drehen.

Wie haben Sie recherchiert?

Veiel: Grundlage waren das Buch von Gerd Koenen, eigene Recherchen und Gespräche, sowie Bücher und Materialien aus Archiven. Dabei bin ich auf widersprüchliche Dokumente gestoßen.

Wie authentisch ist die Geschichte, die Sie erzählen? Etwa, dass Walter Jens für Vesper vegetarisch kocht…

Veiel: Walter Jens hat mir nicht erzählt, ob seine Maultaschen vegetarisch waren. Aber er sprach von ironisch kritischer Distanz zu Vesper. Das war die Grundmelodie, die den Umgang der beiden bestimmte. Bestimmte Freiheiten muss ich mir nehmen, solange ich der inneren Wahrheit treu bleibe.

Wie viel Wissen kann man beim heutigen Publikum voraussetzen?

Veiel: Bei Testvorstellungen haben wir festgestellt, dass eine Figur wie Walter Jens bei jüngeren Zuschauern nicht bekannt ist. Aber es wird sofort erkannt, dass es sich bei Jens um einen prominenten Professor handelt. Das genügt, damit die Figur funktioniert.

Warum lässt sich eine selbstbewusste Frau wie Gudrun Ensslin von Baader ohrfeigen?

Veiel: Das passt nicht zum Bild der Ikone - genau das war mir wichtig. In Briefen und Tagebüchern von Gudrun ist Gewalt, auch gegen sich selbst, ein Thema. Zum Teil finden sich Vergewaltigungsfantasien, wo sie sich wünscht, von Baader missbraucht zu werden.

Wie besetzt man einen Andreas Baader heutzutage?

Veiel: Je mehr ich mich mit Baader beschäftigt habe, desto klarer wurde, dass ich einen Schauspieler benötige, der etwas sehr Verletzbares hat und damit eine Unberechenbarkeit. Einer, der zuschlagen und zugleich sehr charmant sein kann. Wir haben lange gesucht, bis wir Alexander Fehling gefunden hatten.

Welche Bedeutung hat der Film für die heutige politische Landschaft?

Veiel: Es herrscht heute ein großes Unbehagen, wie politische Entscheidungen transportiert werden. Seien es Castor-Transporte oder Großprojekte wie Stuttgart 21. Es gibt einen Riss zwischen einer Zivilgesellschaft, die immer mehr Fragen stellt und der politischen Kaste, die irritiert reagiert. Insofern sind die Fragen, die unser Film stellt, aktueller denn je.

Von Dieter Osswald

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