Feines Kabarett: der tolle Claus von Wagner in Kassel

Sehr viel besser als die Wohlfühlkabarettisten: „Anstalt“-Leiter Claus von Wagner im Anthroposophischen Zentrum. Foto: Fischer

Mit Max Uthoff hat Claus von Wagner "Die Anstalt" im ZDF zum Publikumsrenner gemacht. Nun bewies der Münchner Kabarettist in Kassel, dass er auch mit seinem Soloprogramm genial ist.

Claus von Wagner hatte bereits zwei Stunden über Finanzmärkte geredet, da merkte er, dass die 600 Zuhörer ihn verstanden hatten. Im ausverkauften Kasseler Anthroposophischen Zentrum fragte der Münchner Kabarettist: „Wem würden Sie eher ihr Geld anvertrauen: der Deutschen Bank oder einem Crack-Süchtigen?“ Für einen Moment war es still, und von Wagner sagte: „Schon, dass Sie kurz darüber nachdenken, zeigt ...“.

Er vollendete den Satz gar nicht. Er macht das oft, so wie früher Dieter Hildebrandt. Und trotzdem hat von Wagner sehr viel mehr zu sagen als Wohlfühlkabarettisten wie Dieter Nuhr. Vor zwölf Monaten hat der 37-Jährige mit Max Uthoff „Die Anstalt“ im ZDF übernommen und zum besten deutschen Satireformat gemacht.

Was seine TV-Sendung so besonders macht, zeichnet auch sein Soloprogramm aus. „Theorie der feinen Menschen“ ist keine Nummernrevue, wie sie manche Kollegen liefern, die dabei bemüht einen roten Faden spinnen. Von Wagner entwickelt einen richtigen Plot und ist dabei manchmal mehr Schauspieler als Kabarettist.

Er spielt Claus Neumann, der durch einen Zufall im Tresorraum der Deutschen Bank eingesperrt wird, dort eine Nacht ausharren und eine Rede auf seinen gestorbenen Vater vorbereiten muss, der als Wirtschaftsprüfer den Finanzhaien das Futter besorgt hat.

Ein halbes Jahr lang hat von Wagner für sein Programm Fachbücher gewälzt. Nun erklärt er, was Derivate sind, nämlich nichts anderes als „Pferdewetten ohne Pferde, Reiter und Rennbahn“. Er erzählt von tatsächlich existierenden Fonds, die Bankberater an deutsche Rentner verkauft haben und die Gewinn abwerfen, wenn US-Senioren früher sterben als erwartet.

Das staubtrockene Thema Finanzkrise wird hier so kurzweilig behandelt, dass niemand einschläft. Im Gegenteil: Am Ende applaudieren die Zuschauer im Stehen. Sie haben gelernt, dass Wirtschaftssprache deshalb so unverständlich ist, weil „Macht am besten funktioniert, wenn derjenige, auf den Macht ausgeübt wird, nicht merkt, dass Macht auf ihn ausgeübt wird“.

Da kann auch „Mutti“ Merkel nichts machen, die von Wagner perfekt parodiert. Zugleich kann er poetisch Sprache entlarven („Das Geld scheint nur etwas wert zu sein. Deshalb heißt es ja Geldschein“). Und nebenbei nimmt er andere Irrsinnigkeiten der Gesellschaft aufs Korn.

Einmal trinkt er aus einer Mineralwasserflasche, auf der der Hinweis steht: „Für Veganer geeignet“. Von Wagner findet das hilfreich: „Sonst würden die Veganer denken, dass es Ziegenspucke ist, und dann verdursten.“ In solchen Lebenslagen hilft nur der Werbeslogan der Deutschen Bank: „Vertrauen ist der Anfang von allem.“ Oder das Ende.

Von Matthias Lohr

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