Fest für die Ohren: Sinfoniekonzert mit Yoel Gamzou

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Dirigierte in Kassel ein ungewöhnliches Programm: Yoel Gamzou. Im Hintergrund Konzertmeisterin Katalin Hercegh.

Kassel. Drei Stücke, entstanden zwischen 1923 und 2011. In Anbetracht dieser Jahreszahlen hätte das jüngste Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters auch ganz anders klingen können.

Doch Yoel Gamzou, der 26-jährige Erste Kapellmeister, hat Werke ausgewählt, die nicht die Verbindung zur Tradition, zu Tonalität und rhythmischem Puls gekappt haben. Keine Avantgarde also.

Ein akademischer Streit darüber, ob solche Musik denn zeitgemäß sei, ist heute nicht mehr nötig. Er hätte sich für die Zuhörer in der voll besetzten Stadthalle auch erübrigt. Denn wohl kaum einer verließ dieses Konzert, der nicht überwältigt gewesen wäre von zwei Stunden intensiver Musik.

Darius Milhauds Stück für 17 Soloinstrumente „La création du monde“ (Die Erschaffung der Welt, 1923) verbindet die Energie des Jazz mit Formen und Farben klassischer Musik. Und ist, mit so viel Spielfreude wie hier gespielt, ein Fest für die Ohren. Das Stück ist auch Teil des Tanzabends „creation moves“, den Choreografiestar Royston Maldoom mit 130 Kasseler Jugendlichen erarbeitet und der am Samstag im Opernhaus Premiere hat.

Eine ganz eigene Welt eröffnet der Hamburger Komponist Elmar Lampson (60) mit seiner dritten Sinfonie. Sie ist zwischen 2008 und 2011 entstanden, verwendet aber auch älteres Material. Ein großes dreisätziges Orchesterwerk, dessen faszinierende Klangwirkungen niemals Selbstzweck sind, sondern eingebunden in die kompositorische Idee und Struktur.

Kern des ersten Satzes ist eine kirchentonale Melodie im alten Stil, die gleich zu Beginn in ein Streicher-Flageolett, ein sphärisches Hintergrundrauschen eingebettet wird. Wie diese Melodie von allen Seiten beleuchtet wird, kommentiert, kontrastiert und in eine komplexe sinfonische Form gegossen, ist originell und fesselnd.

Im zweiten Satz erhebt sich die Flöte (großartig: Hanna Mangold) über das sinfonische Geschehen. Voller innerer Unruhe und gebändigtem Chaos und mit viel Virtuosität hält der dritte Satz die Hörer in Atem, bevor die Piccoloflöte einen versöhnlichen Ausklang herbeiführt.

Das Werk, 2011 von Yoel Gamzou in Hamburg uraufgeführt, verlangt dem Orchester sehr viel ab, und neben der vom Dirigenten vorgelebten musikalischen Intensität war es auch die besondere Orchesterleistung, die zu langem Beifall und vielen Bravos für die Musiker und den anwesenden Komponisten führte.

Auf demselben Energielevel stürzten sich Dirigent und Orchester nach der Pause in Erich Wolfgang Korngolds große, 1954 uraufgeführte Sinfonie Fis-Dur, die zu einem heftigen emotionalen Wechselbad wurde. Neben dem schroffen Nebeneinander von brutaler Härte und Idylle im ersten Satz war es vor allem der Adagiosatz, der wie schweres Atmen begann und sich in dramatischer Weise steigerte, der diesem Konzert einen langen Nachhall gab.

Von Werner Fritsch

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