Fest der Stimmen

Oper „Agrippina“ bei den Göttinger Händel-Festspielen

Ein Abend der Sänger-Darsteller: (von links) João Fernades als Claudio, Ulrike Schneider als Agrippina, Jake Arditti als ihr Sohn Nerone und Ida Falk Winland als Poppea. Fotos: da Silve, Händel-Festspiele/nh

Göttingen. Nachdem ihr dichtes Gespinst von Intrigen, Lügen, Schmeicheleien und geheuchelter Zuneigung enttarnt zu sein scheint, stürzt Agrippina, die Gattin des römischen Kaisers Claudius, dennoch nicht ins Verderben.

Mit dem Mut der Verzweiflung wendet sie das Schicksal und erreicht doch ihr Ziel: Nerone, ihr Sohn aus einer früheren Verbindung, wird der neue Kaiser.

Dem bürgerlichen Moralkodex entspricht Georg Friedrich Händels 1709 in Venedig uraufgeführte Erfolgsoper „Agrippina“ damit keineswegs. Und irgendwie scheint auch dem Regisseur Laurence Dale bei diesem Schluss etwas unwohl gewesen zu sein. Die Premiere im Deutschen Theater bei den Internationalen Göttinger Händel-Festspielen endet daher mit einer tollen Pointe: Nach dem Genuss einer vergifteten Leckerei fallen am Ende die Protagonisten reihenweise tot um. Nur Ottone, der moralisch Integre und treu Liebende, überlebt – und setzt sich den goldenen Lorbeer aufs Haupt.

Laurence Dale, der selbst eine eindrucksvolle Sängerkarriere hinter sich hat, hat diese Oper, die von der Interaktion des macht- und liebesbesessenen Personals lebt, in einer Mischung aus Ironie und entlarvender Charakterzeichnung auf die Bühne gebracht. Dafür stellt Tom Schenk einen offenen Bühnenraum mit verschiebbaren Spiegelwänden bereit, und Robby Duivemann steckt die Protagonisten in Kostüme von edlem Barock-Punk.

Die eigentliche Pracht dieser Opernproduktion sind jedoch die Sängerdarsteller, allen voran die Kasseler Mezzosopranistin Ulrike Schneider in der Titelrolle. Ihre Agrippina schmeichelt, droht, trumpft auf - und lässt in einer Arie und Szene von erschütternder Modernität – „Pensieri, voi mi tormenti“ (Gedanken, ihr quält mich) – auch in Abgründe blicken. Bewundernswert ihre stimmliche Variabilität, Koloratursicherheit und ihr souveränes Spiel.

Eine faszinierende, höchst vergnügliche Charakterstudie als Kaiser von der traurigen Gestalt bietet der Brasilianer João Fernandes, der den hinkenden, abgewrackten Herrscher Claudio dabei aber mit sonorem Bass ausstattet. Ein durchgeknallter, mordgeiler Teenager ist der Countertenor Jake Arditti als Nerone, der sich auch stimmlich von Arie zu Arie steigert. Den eindrucksvollsten Counter-Glanz verströmt allerdings Christopher Ainslie als Ottone - klar, kraftvoll und mit herrlich warmem Timbre.

Ida Falk Winland wartete als Ottones Geliebte Poppea mit tollen Koloraturen auf, hatte aber einige stimmliche Schärfen. Fein auch Ross Ramgobin und Owen Willets als die Intriganten Pallante und Narciso.

Dass die Oper fast ohne Striche in einer Länge von viereinhalb Stunden aufgeführt wurde, ist wohl nur bei einem Festival möglich, aber auch da wenig sinnvoll. Laurence Cummings, der künstlerische Leiter, ließ plastisch, mit viel Ausdruck und straffen Tempi musizieren, doch neben fantastischen Passagen, die zum Besten aus Händels Schaffen zählen, enthält „Agrippina“ auch durchschnittliches Material.

Ob das Dogma der Aufführung mit alten Instrumenten bei Händel immer gelten muss, darf man angesichts einiger Intonationsschwächen des Festspielorchesters ebenfalls fragen - der Komponist hätte wohl nichts gegen den brillanteren Klang moderner Instrumente einzuwenden gehabt. Am Ende lang anhaltender Applaus.

 

Wieder am 18., 22, 24. und 25.5., Karten: Tel. 01805-700733.

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