Büchner-Preisträgerin eröffnete den Literarischen Frühling

Festival-Auftakt mit Lewitscharoff

Angeregtes Gespräch: Felicitas von Lovenberg (FAZ, links) und Sibylle Lewitscharoff. Foto: Jaeger

Waldeck. Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff eröffnete mit einer Lesung im Hotel Schloss Waldeck den Literarischen Frühling.

„Unter dem Büchner-Preis eröffnet der Literarische Frühling schon gar nicht mehr“, so begann Felicitas von Lovenberg (FAZ) ihre Moderation des festlichen Auftakt-Abends der vierten Auflage vom Literaturfestival im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Nach Durs Grünbein und Martin Mosebach war am Samstagabend im vollen Rittersaal des Hotels Schloss Waldeck Sibylle Lewitscharoff zu Gast.

Lewitscharoff las den Anfang ihres jüngsten Romans „Killmousky“ über einen Kommissar, der den Dienst quittieren musste, nachdem er bei einem Verhör Folter angedroht hatte - die Nähe zum Mord an Jakob von Metzler war der 60-Jährigen nicht bewusst: „Das tut mir leid, ich wollte der Familie des Opfers nicht noch einen Krimi servieren.“ Dieser Ermittler ist nun als eine Art Privatdetektiv gefordert.

Zwischen ihren Büchern über den Philosophen Hans Blumenberg und ihrem nächsten Projekt, das vom italienischen Dichter Dante handelt, wollte sie etwas „sehr Geerdetes“ schreiben, wo die Fakten stimmen und der Plot stimmig sein müssen: „Eine sehr gute Übung. Da können Sie mit Himmelssperenzchen nicht anfangen.“ Einfacher zu schreiben sei ein Krimi keineswegs. Er folge eben anderen Gesetzen. Was Lewitscharoff am Genre fasziniert: „Krimis greifen in das moralische Herz der Gesellschaft.“ Gesellschaften müssten, wenn etwas Schreckliches passiert sei, sich über das Geschehene verständigen.

Sie sei „mit Homer und der Bibel“ aufgewachsen, erzählte die Tochter eines bulgarischen Vaters und einer schwäbischen Mutter, die schon seit vielen Jahren in Berlin lebt. Ohne das bei Kindern lodernde Gerechtigkeitsempfinden, ohne einen essentiellen Sinn für Gut und Böse, „gehen wir zugrunde“, sagte Lewitscharoff. Den Glauben daran, dass alle Menschen für ihre Sünden und Verfehlungen zur Rechenschaft gezogen werden, gebe es aber selbst in der evangelischen Kirche nicht mehr - für die Protestantin eine problematische Entwicklung: „Erlösung sollte nicht allzu leicht zu haben sein.“ Die Vorstellung, dass die schlimmsten Menschheitsverbrecher - Hitler, Goebbels, Stalin - straflos davonkommen, nennt sie „empörend“: „Da führt sich Religion ad absurdum.“ Lewitscharoff erhofft ein Leben nach dem Tod und eine irgendwie geartete Form der Abrechnung, „von der wir nicht wissen, wie sie aussieht.“

Für Lewitscharoff leistet auch Literatur angesichts von Schuld, Schwachheit und Schutzbedürftigkeit des Menschen ein „Erlösungsbemühen“. Im Hintergrund eines Textes auch über Verwerfungen und Katastrophen des Menschen müsse immer aufleuchten: „Es müsste eigentlich anders sein.“ Wenn jüngere Autoren einen „Hang zum Sadistischen, Kotigen, Perversen, Schrecklichen“ hätten, werde „das hohe Gut der Literatur verschachert“.

Das von der FAZ-Literaturkritikerin kenntnisreich und voller Hochachtung geführte Gespräch streifte auch die „Dresdner Rede“ im vorigen Jahr, für die Lewitscharoff - die ihre Ablehnung von Reproduktionsmedizin in Begriffen wie „Halbwesen“ und „zweifelhafte Geschöpfe“ geäußert hatte - heftig attackiert worden war. Einige Sätze seien „auf dumme Art zu scharf“ und „verleumderisch“ gewesen, räumte Lewitscharoff, die am Donnerstag 61 wird, erneut ein.

Sie wolle künftig vorsichtiger sein, auch weil sie fürchtet, dass es irgendwann fatal „auf das Schreiben durchschlägt“, wenn man Angriffen ausgesetzt sei - so wie bei Peter Handke, der immer noch exzellente Bücher schreibe, wo aber immer nur von seinen Stellungnahmen zu Jugoslawien die Rede sei.

Der deutsche Journalismus sei so gut, sagte Lewitscharoff, dass auch umstrittene Themen „gut beleuchtet“ würden: „Da muss nicht ich kommen und den Leuten was erzählen.“ Als „alte Kämpfernatur“ habe sie auf die Angriffe bloß nicht weinerlich reagieren wollen. Sie sei jahrelang so gut behandelt worden, habe vom „Apparat“ des Literaturbetriebs profitiert und fast jeden Preis bekommen, den es in Deutschland gibt: „Da kann man nicht beleidigte Leberwurst spielen.“

Das Gespräch mit Lewitscharoff war Auftakt einer „kulturellen Intensivwoche“, wie es Mitveranstalterin Christiane Kohl (Landhaus Bärenmühle) in ihrer Begrüßung formulierte. „Vergnügen und Erbauung in den Wäldern der Poesie“ in einer Region, die durch viel Wald, gute Luft, Stille und eine weitgehend unverbrauchte Landschaft sowie wenigen Autobahnkilometern und vielen Radarfallen geprägt sei. Das von drei Hotels veranstaltete und von zahlreichen Sponsoren unterstützte Festival solle ihr zusätzliche Identität, Attraktivität und Strahlkraft verschaffen.

Wenn sich das Festival voll etablieren wolle, dann müssten allerdings für seinen Verlauf all diese Blitzer ausgeschaltet werden, scherzte von Lovenberg: Die Radarfallen erfordern hohe Konzentration bei der Anfahrt ins ländliche Idyll.

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