Ein Festival wie im Bilderbuch: Musikschutzgebiet  feierte zehnten Geburtstag

Homberg. Es war schon weit nach 1 Uhr Samstagnacht, als Maurice Ernst von der Wiener Rockband Bilderbuch die älteren Besucher des Musikschutzgebiet-Festivals bei Homberg tröstete. Als 40-Jähriger fühlt man sich unweigerlich ein bisschen gebrechlich, wenn man sieht, wie die Jugend drei Tage durchfeiert.

Gerade war wieder eine Crowdsurferin auf den Händen des Publikums zur Bühne getragen worden. Etwas, was man auch nicht mehr jeden Tag macht, wenn der Rücken zwickt. Da sang Ernst: „Unsere Jugend wird dahin sein wie der Rauch aus dem Schornstein.“ Der Mann ist 25.

Nicht nur wegen des Auftritts seines wahnsinnig guten Quartetts, war man sich danach sicher: Wenn man als 40-Jähriger noch einmal drei Tage auf ein Festival gehen würde, mit Zelten, Dixieklos und dem ganzen Pipapo, dann hier. So schön ist es im Musikschutzgebiet, das nun seinen zehnten Geburtstag feierte.

2004 hatte der damalige Student Hubertus Nägel mit Freunden zum ersten Mal auf den abgelegenen Hof seiner Eltern in Hombergshausen (Schwalm-Eder-Kreis) geladen. Mittlerweile ist das Festival eine Institution für Stile abseits des Mainstreams - von Indie über HipHop bis Electro.

1800 Fans waren diesmal gekommen. Sie machten schon am Freitag viele musikalische Entdeckungen: Das Pfälzer Trio Sizarr überzeugte mit einem eigenwilligen Electrosound. Der Berliner HipHopper Chefket rappte humorvoll über die Schwierigkeit, auch ohne Schulabschluss etwas zu erreichen im Leben. Die Kasseler Mundart-Countryrocker von Dark Vatter bewiesen, dass Dialekt überhaupt nicht peinlich ist. Und das Fleisch gewordene Tanzbein Freddy Fischer brachte mit seinen Disco-Funk-Nummern die Scheunenbühne an ihre Kapazitätsgrenzen.

Die Scheunenbühne heißt so, weil sie sich tatsächlich in einer Scheune befindet. Läuft auf der großen Bühne im Hof der Soundcheck, wird einfach das Tor zugezogen. Wo früher Tiere standen, gab es nun Lounges zum Chillen und Fotokunstaktionen. In einem Extrazelt fanden ein Poetry-Slam und Lesungen statt. In der Halfpipe wurde ein Skater-Wettbewerb ausgetragen. Und vom Zeltplatz auf dem Mosenberg hat man einen atemberaubenden Ausblick auf Knüll, Kellerwald und Habichtswald.

All das schätzen auch die Musiker. Dany Maier, Bassist der Stuttgarter Punkrock-Combo Schmutzki, sagte: „Das ist etwas ganz Besonderes. Seid stolz drauf.“ Besonders stolz waren die Veranstalter des Musikschutzgebiet-Vereins in diesem Jahr, Bilderbuch verpflichtet zu haben.

Wäre Prince in Wien mit dem Schmäh von Falco aufgewachsen, hätte er sich vielleicht so angehört wie die Österreicher. Bei ihrem Auftritt bewiesen Bilderbuch, dass sie zurecht als Band der Stunde gelten. Sänger Ernst zeigte, dass man Stimmen auch im Deutschen gekonnt mit der Autotune-Software verfremden kann. Beim Hit „Plansch“ spielte Gitarrist Michael Krammer sein Solo wie Jimi Hendrix hinter dem Kopf. Und danach twitterte die Band über das Musikschutzgebiet: „unglaublich leiwand!“ Letzteres heißt im Österreichischen super, toll und großartig. So ist es.

Von Matthias Lohr und Daniel Göbel

Fotos vom Festival

Musikschutzgebiet bei Homberg feierte zehnten Geburtstag

Rubriklistenbild: © Agentur

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