Festival Körperstürme: Tanz-Uraufführung in der Martinskirche

+
Drehen und Kreisen: Auch sakrale Elemente des Tanzes wurden in der Martinskirche gezeigt. 

Kassel. Um Musik des Komponisten Manfred Trojahn (66) ging es beim viertägigen Festival Körperstürme in der Martinskirche. Doch anders als bei den Tagen für neue Musik in der Kirche zuvor stand das Musikalische nicht im Vordergrund.

Stattdessen gehörte die Bühne, und das meint hier den sakralen Raum der Kasseler Martinskirche, dem Tanz. Spannend zu erleben, was der Tanz mit dem Kirchenraum und der Kirchenraum mit dem Tanz macht.

Manfred Trojahns sieben Ballett-Szenen für Instrumentalensemble „... une campagne noire de soleil“ (Ein Land, schwarz vor lauter Sonne) wurden zwar bereits 1993 in konzertanter Form uraufgeführt, doch erst im Rahmen des Körperstürme-Festivals kam es unter dem Titel „Schatten Licht“ zur Tanz-Uraufführung.

Das Stück geht auf den Essay von Albert Camus „Noces a Tipasa“ zurück. Für den Komponisten steht die Landschaft um die algerische Hafenstadt für das harte Spiel von Licht und Schatten. In der Choreografie von Reinhild Hoffmann, die in Kassel als Opernregisseurin von Poulencs „Gespräche der Karmelitinnen“ in bester Erinnerung ist, sind Licht und Schatten allerdings nicht physikalische Phänomene.

Zehn Tänzer, fünf Männer und fünf Frauen, des Folkwang-Tanzstudios, in schwarzen Gewändern mit glockenförmigen Röcken beginnen einen Tanz, der Assoziationen an den Drehtanz der Derwische weckt. Hier geht es jedoch nicht um religiöse Ekstase, sondern um das Verhältnis von Gruppe und Einzelnem. Um einen Außenseiter, der sich am Boden rollt, dessen sich die Gruppe annimmt, der gehalten, geführt und aufgenommen wird.

Immer wieder in den sieben Szenen geht es in den strengen, den Raum auf ästhetische Weise ausfüllenden Tanzbildern um das Kreisen des Einzelnen um sich selbst und um die Kontaktaufnahme zu anderen – zum „Nächsten“.

Erst in der Schlussszene, die tänzerisch wieder an den Beginn anknüpft, gibt Trojahn seiner Musik auch einen rhythmischen Puls. Zuvor eröffnet seine Musik Klangräume unterschiedlicher Dichte. Zögerlich und punktuell zu Beginn, mit fast „vokal“ anmutenden Perkussionseffekten, dann in lang gezogenen changierenden Klangflächen, kontrastiert von explosiven musikalischen Ereignissen in der dritten Szene.

Über eindreiviertel Stunden entfaltet dieses Stück, das bei aller Vielgestaltigkeit klanglich ein Kontinuum bildet, seine suggestive Kraft. Mit umwerfender Farbigkeit und Präzision realisierten das Ensemble Modern und sein Leiter Hannes Krämer diese anspruchsvolle Musik.

Vielleicht war es der Kirchenraum, der das existenziell Bedeutsame dieses Stücks unterstrich: Licht und Schatten, Solipsismus und Empathie – in diesen Spannungsfeldern bewegte sich der Tanzabend, der schließlich auch noch filmisch im Teil „Chants noirs“ den Sonnenlauf samt Schattenspiel als Sinnbild von Vergänglichkeit ins Spiel brachte.

Jubel und langer Beifall in der fast ausverkauften Kirche.

Lesen Sie dazu auch: 

Festival Körperstürme: Manfred Trojahns „5 Intermezzi“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.