Das Kulturzelt ist vom Begleitprogramm der documenta längst zu einer eigenen Marke geworden - Ein Rückblick

25 Jahre Kulturzelt: Das Festival ist selbst ein echter Star

Wieder Ärger mit dem Kasseler Kulturzelt: So schrieb unser Lokalredakteur am 30. Juni 1988, nachdem das 300 Plätze fassende Zelt von Unbekannten zum Einsturz gebracht worden war. Später gab es sogar einen Brandanschlag. Vor allem in der Unterneustadt hatte es Widerstand gegen das Festival gegeben, das heute eine Institution ist. Repro: Köberich

Kassel. Am Abend des 3. Juli 1987 musste Hans-Bernhard Nordhoff seine Mitstreiter vom Kulturzelt trösten. Mit großen Erwartungen hatten der damalige Kasseler Kulturreferent und sein Team die neue Reihe mit Konzerten, Kabarett und Lesungen gestartet, doch dann fehlte am Eröffnungstag das Zelt, weil die Zeltbaufirma nicht fertig geworden war.

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Und das Tanztheater Regenbogen aus Koblenz begann sein Programm erst weit nach 20 Uhr, weil zum geplanten Beginn kaum ein Besucher da war. „Das muss erst mal anlaufen“, sagte Nordhoff nach der Premiere - und behielt Recht. Im 25. Jahr läuft das Kulturzelt immer noch und ist aus dem Kasseler Sommer längst nicht mehr wegzudenken. Die Reihe am Fulda-Ufer gilt in Anlehnung an das berühmte Jazzfestival am Genfersee als „hessisches Montreux“ und startet am 8. Juli in seine Jubiläums-Saison.

Das Kulturzelt ist eine eigene Marke geworden, dabei war es 1987 nur als ergänzendes Angebot zur documenta gegründet worden. Nordhoff hatte festgestellt, dass die Weltkunstschau ohne Rahmenprogramm bei Teilen der Bevölkerung unbeliebt war.

Auch das Kulturzelt musste sich erst durchsetzen. Bei der zweiten Auflage 1988 brachten Unbekannte das Zelt zum Zusammensturz. Es gab einen Brandanschlag, und einmal musste ein Mitarbeiter einen Haufen Kot von der Bühne entfernen. Um die Anwohner vor Lärm zu schützen, sprach sich der Ortsbeirat Unterneustadt gegen die Konzerte an der Drahtbrücke aus.

Spätestens 1992 hatten die Kasseler das Zelt jedoch in ihr Herz geschlossen: Für den documenta-Sommer hatte der britische Star-Architekt James Stirling ein Zelt entworfen, das vor der Orangerie aufgebaut und an 100 Tagen bespielt wurde. „Das war Woodstock auf der Karlswiese“, sagt Angelika Umbach (50), die seit 1988 dabei ist und das Festival mit Konzertveranstalter Lutz Engelhardt (51) leitet.

Große Vielfalt

Als die Stadt den Etat zusammenstrich, gründeten die beiden 1994 einen elf Mitglieder zählenden Verein, der bis heute Veranstalter ist. Unter der Regie des Duos wurde das Kulturzelt das, was es heute ist. Dabei ist das Erfolgsrezept für das stilistisch breit gefächerte Programm denkbar einfach: „Wir machen die Sachen, die uns selbst gefallen.“

Der Geschmack von Umbach und Engelhardt gefällt wiederum dem Publikum. In das Kulturzelt kommen die Musikfans auch zu Künstlern, die anderswo weniger gefragt sind. Ein bisschen ist das Kulturzelt also selbst der Star.

Im vergangenen Sommer, als aus dem Zelt ein temporärer Bau wurde, gab es jedoch Kritik. Nicht so wie vor 25 Jahren, aber es gab hitzige Debatten über die Kosten, die auch von der Stadt getragen wurden. „Das hat uns nicht nur verwundert, sondern auch verwundet“, sagt Engelhardt. Trost braucht er trotzdem nicht: Mit einer Auslastung von 90 Prozent ist das neue Kulturzelt beliebter denn je.

Von Matthias Lohr

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