Fettes Brot im Interview: „Wir machen Politik und Party“

Machen nicht nur Party, sondern sind immer auch politisch: Die Hamburger HipHopper Fettes Brot mit (von links) Björn Beton, König Boris und Dokter Renz. Foto: Herrendorf

Mit dem HipHop-Trio Fettes Brot kann man viel Spaß haben, zugleich sind die Hamburger aber auch eine poltische Band. Das beweisen sie auch auf dem neuen Album "Teenager vom Mars".

Schon in den beiden Videos zum neuen Album von Fettes Brot wird klar, was das Hamburger HipHop-Trio auszeichnet. In „Von der Liebe“ geht es um eine Beziehung im Nahostkonflikt, und in „Teenager vom Mars“ sieht man eine wilde Party mit ekligen Aliens und Frauen, die mit ihren Brüsten schießen. „Wir wollen mit unserer Musik den Finger in die Wunde legen und gleichzeitig Party machen“, sagt Dokter Renz (41) im Interview zum neuen Album „Teenager vom Mars“.

War es schon immer Ihr Traum, Frauen mit Laserbrüsten zu begegnen, wie im lustigen Video zu „Teenager vom Mars”?

Dokter Renz: Das kann ich so direkt nicht sagen. Aber die Zeit war jetzt reif dafür. Wir haben das Video mit unserem schwer begabten Freund Oliver Tietgen gedreht, in dessen Fantasy-Film „ABC of Superheroes” wir mitspielen durften. Im apokalyptischen Video geht es ordentlich zur Sache.

Das kann man so sagen. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Art Konzeptalbum als Außerirdische zu machen, die auf die Erde schauen?

Dokter Renz: Wir hatten uns wenig Gedanken darüber gemacht, wie wir klingen wollten. Als wir schon sechs Songs fertig hatten, fiel uns „Teenager vom Mars” ein. Wir fanden es gut, eine Überschrift für alle Stücke zu haben. Der Sound ist wieder sehr euphorisch. Wir machen keine Rückzugsmusik, sondern wollen die Menschen mitreißen. Nachher sollen sie sich stärker fühlen als vorher.

„Alle hörn jetzt Schlager” ist eine hübsche Abrechnung mit dem Genre. Was nervt Sie so an Helene Fischer?

Dokter Renz: Unser Song richtet sich nicht gegen die Künstler. Mich persönlich nerven aber Menschen, die so tun, als sei es ganz normal, Schlager zu hören. Früher haben das nur Rentner gehört. Heute gehört das augenzwinkernd dazu. Dieser Trend sagt einiges aus über unsere Gesellschaft. Man flüchtet sich in eine heile Welt, in der alles strukturiert ist und es keine Zwischentöne gibt. Dagegen musste was gesagt werden.

Aber was ist so schlimm daran? Metal-Fans flüchten doch auch in ihre heile Welt.

Dokter Renz: Aber wenn ich Metal-Fans in Wacken sehe, habe ich keine befremdlichen Gefühle. Die wollen sich nicht vor Fremden abschotten. Ich sage nicht, dass jeder Schlager-Fan rechts ist, aber die Ansicht, dass man mit dem Rest nichts zu tun haben will, ist bei ihnen schon verbreitet.

Welches Auto fahren Sie?

Dokter Renz: Ich habe zwar auch ein Auto, aber in der Stadt fahre ich Rad.

In „Eure Autos” zelebrieren Sie das Ende des Autos. Sie verspeisen nachts die Bonzenschlitten und SUVs der Stadt. Dabei zeigen sich Rapper sonst mit den teuersten Wagen.

Dokter Renz: Als Großstadtmensch ist man gequält von den Hochglanzkarossen und den anderen Autos, die wie Panzer aussehen. Wir fanden es eine hübsche Idee, sie einfach über Nacht zu beseitigen. Wir vernichten so ein Statussymbol und begraben nebenbei noch ein Rap-Klischee.

Sie bringen Ihre Kinder mit dem Rad in den Kindergarten?

Dokter Renz: Ich habe ein Lastenfahrrad, ein tolles Ding, das ich in Kopenhagen entdeckt habe. Dort macht das Radfahren Spaß. In Hamburg ist man dagegen lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt. Ich habe eigentlich nie Angst um meine Kinder - im Straßenverkehr bin ich aber immer voller Sorge. Vielleicht werde ich darum auch schnell selbst wütend. Die Stimmung auf den Straßen ist hier schon bedrohlich.

Können Sie es noch hören, wenn Fans von einst sagen, was Fettes Brot heute machen mit der Mischung aus Pop, Electro und Indierock, sei ja gar kein HipHop mehr?

Dokter Renz: Das kommt eher von Leuten, die uns immer schon scheiße fanden. Man muss sich jeden Tag fragen, ob man die Kommentare unter einem Youtube-Video tatsächlich lesen will. Das ist bisweilen schon hart.

Wie schwer ist es, als Rapper in Würde zu altern?

Dokter Renz: Das Altern bereitet mir keine Schwierigkeiten. Die Rocker haben es uns doch vorgemacht. Früher haben die Rolling Stones bei Auftritten in der Berliner Wuhlheide alles kurz und klein geschlagen. Wenn sie heute im Olympiastadion spielen, denkt keiner mehr an Rebellion. Und Peter Kraus bringt auch noch mit 80 ältere Damen zum Jauchzen. Es ist faszinierend, wie sich eine revolutionäre Kraft in etwas Großväterliches entwickelt. Der Rap ist in dieser Entwicklung erst mitten drin.

Fettes Brot: Teenager vom Mars (Fettes Brot Schallplatten). Wertung: vier von fünf Sternen

Fettes Brot spielen am 8. November in der Göttinger Stadthalle. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204. 

Zur Band

Mitglieder: Dokter Renz (Martin Vandreier, 41), Björn Beton (Björn Warns, 42) und König Boris (Boris Lauterbach, 41)

Gegründet: 1992 in Pinneberg

Durchbruch: 1995 mit „Nordisch By Nature“. Seither zahlreiche Hits wie „Emanuela“.

Privates: Der vierfache Vater Vandreier lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Videoclips

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