Mit Gästen aus Malawi zeigt das Junge Theater ein Stück über Kolonialismus

Ums Feuer geschart

Einsamkeit: Misheck Mzumara spielt den in die Sklaverei verkauften Kodjo. Foto:  Eulig

Göttingen. Ein afrikanischer Dorfplatz, ein Feuer. Menschen scharen sich darum im Kreis. Erzähler, Sänger, Tänzer, Puppenspieler. Wenig Licht. Flammen lodern aus einer Blechtonne, flackernder Widerschein in Gesichtern. Von überall her Stimmen, Geräusche, Kommen und Gehen.

Regisseur Gernot Grünewald und Ausstatter Michael Köpke haben mit der Manegensituation für das Junge Theater (JT) in Göttingen eine geniale Bühne geschaffen, um Ad de Bonts Sklaverei-Drama „Mutter Afrika“ zu erzählen. Das Publikum honorierte den knapp zweistündigen Abend mit langem Applaus und Jubel.

Die Kinder Aba und Kodjo werden im kolonialen Afrika in die Sklaverei verkauft, gelangen per Schiff nach Südamerika und werden in Surinam Opfer schlimmster Ausbeutung, Erniedrigung und Gewalt der Kolonialherren.

Das JT bereitet die Handlung für ein jugendliches Pub-likum auf, vermittelt zusätzlich Hintergründe zu Sklaverei, Völkermord an den Herero und mangelhafter Aufarbeitung kolonialer Verbrechen durch die Bundesrepublik.

Dazu lässt Grünewald Lexikonartikel, Bundestagsdebatten und zeitgenössische Texte über Mikrofon einlesen, wirft historische Zeichnungen von „Hottentotten“ per Dia an die Wand, lässt die Stücktexte in drei Sprachen sprechen und zum Teil simultan übersetzen.

Das ergibt ein intensives Patchwork aus Beklemmung und Aufklärung, wobei der didaktische Part teilweise über-dominant wird, und es fraglich ist, ob ausgerechnet Texte wie aus Wikipedia so wertvoll sind, dass sie hier zitiert werden müssen. Denn die findet das Schüler-Publikum binnen Sekunden selbst im Netz.

Am beeindruckendsten sind die afrikanischen Schauspieler Misheck Mzumara und Eunice Kadzuwa aus Malawi, die über ein Austauschprogramm des Auswärtigen Amtes mit dem JT-Ensemble zusammenarbeiten können.

Ihre Bühnenpräsenz, ihr Ausdruck von unbekümmerter Freude, Trauer, Schmerz und Einsamkeit, Eunice Kadzuwas betörend schöner Gesang, die stillen Momente, wenn die beiden am Feuer stehen und jede Faser ihrer Körper Hoffnungslosigkeit ausdrückt: großartig. Kadzuwa und Mzumara sprechen Chichewa, ihre Heimatsprache, die aus dem Off simultan übersetzt wird. Später sprechen sie englisch und deutsch - das symbolisiert ihren Lernprozess in der Fremde.

Jan Reinartz ist der schneidend kalte Ausbeuter mit Peitsche, Agnes Giese die selbstgerechte Kolonisatorin mit Gutmenschen-Mäntelchen, Verena Saake spielt eine schwarze und eine weiße Figur zwischen den Fronten und Henrike Richters die verzweifelt Liebende, Ebrima Sallah aus Gambia trommelt.

Am Ende löst sich die Hoffnungslosigkeit zwar im gemeinsamen Feiern am Feuer, doch die beklemmenden Bilder wirken lang nach.

Wieder am 13., 17.11., Schulvorstellungen möglich, Kartentelefon: 0551-495015, www.junges-theater.de

Von Bettina Fraschke

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